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Auto-Haus_© Wolfgang Holland_barbara feller_

Sehen lernen, sprechen können, mitentscheiden

7 Kommentare

Barbara Feller – BMW oder VW? Diesel oder Benzin? Stoff- oder Ledersitze? 90 oder 180 PS? Silbermetallic oder schwarz? Sportwagen oder Familienkutsche?
Zu all diesen Aspekten haben die meisten Menschen eine Meinung, sich Gedanken gemacht und ihre Bedürfnisse und Geldbörse im Blick.

Straße oder Hof? Eingeschoßig oder Split-Level? Ost- oder westorientiert? Kauf oder Miete? 90 oder 180 m²? Niedrigenergiestandard oder Passivhaus? Stadt oder Land?

Auch dazu haben viele Menschen eine Meinung, jedoch in der Regel viel weniger Kenntnis – sowohl über die eigenen Bedürfnisse als auch die entsprechenden Angebote und Konsequenzen. Dabei fließt der Großteil des Lebenseinkommens in Dinge, die mit dem Bauen und Wohnen und den damit verbundenen Kosten zu tun haben: neben Miete, Kaufpreis oder Errichtungskosten sind dies Ausgaben für Energie und speziell für Mobilität. Dabei kann das Einfamilienhaus im Grünen, mit kleinem Garten – laut aktueller Studien für die Hälfte bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung der „Wohntraum“ schlechthin – schnell viel teurer werden als gedacht: für erforderliche Fahrten zur Arbeit, zum Einkauf oder in die Freizeit.

Schon diese ökonomischen Fakten machen deutlich, wie wichtig es ist, über „Baukultur“ Bescheid zu wissen. Doch nicht nur wirtschaftliche Aspekte sind damit verbunden. Raum beeinflusst das persönliche Wohlbefinden und das soziale Zusammenleben. Ein kompetenter Umgang mit Raum gehört zu den wesentlichen Merkmalen jeder Gesellschaft – denn fast das ganze Leben verbringen wir in gestalteter Umwelt. Dabei geht es für jeden Menschen darum, eine Lösung zu finden, die individuellen Ansprüchen genügt, die aber darüber hinaus auch gesamtgesellschaftliche Verantwortung in sich trägt. Denn jenseits der eigenen Bedürfnisse ist es auch notwendig jene der anderen zu kennen, um sich bei Planungsprozessen mündig, verantwortungsbewusst und zielorientiert einbringen zu können.

Baukulturvermittlung leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Und die Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, früh mit diesen Vermittlungsaktivitäten zu beginnen, um ein nachhaltiges Verständnis zu fördern. Kinder und Jugendliche sind sehr interessiert an ihrer Umwelt, nehmen diese mit viel Aufmerksamkeit wahr und wollen (und sollen) sich einmischen. Denn sie sind die NutzerInnen und vielleicht auch die BauherrInnen, BürgermeisterInnen, ProjektentwicklerInnen, PolitikerInnen, LehrerInnen oder PlanerInnen von morgen!

Um nicht missverstanden zu werden: Mit Baukulturvermittlung ist nicht das Ausbilden von „kleinen ArchitektInnen“ gemeint, sondern ein Wecken von Raumverständnis und das Aufzeigen der Gestaltbarkeit und damit Beeinflussbarkeit von gebauter Umwelt. Der Begriff Baukultur umfasst dabei ein breites Verständnis von gebauter und gestalteter Umwelt: Es geht nicht nur um „schöne“ Gebäude (und damit nicht primär um Ästhetik bzw. „Baukunst“), sondern um die Gesamtheit von „Raum“ in seinen Dimensionen, Wirkungen, Beziehungen und Bedingungen. Es geht auch nicht ausschließlich um Gebäude, sondern gleichermaßen um den Raum dazwischen – den Freiraum. Baukulturvermittlung hilft sehfähig, sprachfähig und damit entscheidungsfähig zu werden.

Autorin:
Barbara Feller, Historikerin, Wien
Geschäftsführerin der Architekturstiftung Österreich

Bild:
Auto-Haus_© Wolfgang Holland

7 Kommentare zu “Sehen lernen, sprechen können, mitentscheiden

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  2. Wir befinden uns permanent in Räumen ob öffentlich oder privat. Ich denke dass es definitiv zur Bildung dazugehört sich in den Räumen in denen wir uns bewegen zurechtfinden. Es ist oft so, dass es nicht bewusst wahrgenommen wird, wie die Umwelt um uns herum gestaltet ist. Sehr interessanter Artikel, der anregt sich wieder bewusster mit der Umwelt auseinanderzusetzen.

  3. „Baukulturvermittlung hilft sehfähig, sprachfähig und damit entscheidungsfähig zu werden“, schreibt Barbara Fellner. Die Frage, die sich stellt, in wessen Aufgabenbereich diese fallen sollte: Das Elternhaus ist damit in den meisten Fällen überfordert. Woher sollte das nötige Wissen auch kommen. Auch die Lehrpläne der Pflichtschulen und allgemein bildenden höheren Schulen sind nicht tauglich, bei SchülerInnen ein Raumverständnis zu wecken. Dafür sind Erfahrungswerte erforderlich, die in der Unterrichtszeit nicht gesammelt werden können. Es fehlen die erforderlichen Stunden und die nötige Flexibilität in der Erfüllung der Lehrpläne, in denen Baukulturvermittlung in einer effektiven Form passieren könnte. Es sieht so aus, als würden wir uns noch längere Zeit damit bescheiden müssen, aufzuzeigen, dass Umwelt gestaltbar und beeinflussbar ist. Damit ist dem Wunsch, Baukultur zu vermitteln, aber bei Weitem nicht genüge geleistet. Starre Lehrpläne verhindern Kreativität auch über die Schulzeit hinaus und wie es scheint, sind die Handlungsspielräume auch in Zukunft gering. Unter dieser Voraussetzung werden die BauherrInnen, BürgermeisterInnen, ProjektentwicklerInnen, PolitikerInnen, LehrerInnen oder PlanerInnen von morgen in ihrem Verständnis für Baukultur dieselben sein wie heute. Leider.

  4. Ein wirklich interessanter Text, aber auch wie A. Steurer frage ich mich wie diese Baukulturvermittlung stattfinden soll. Andererseits sehe ich diese Angelegenheit etwas weniger skeptisch, und denke dass durchaus ein Teil davon oder zumindest ein Anfang in der Schule gemacht werden könnten. Natürlich hängt vieles vom Lehrplan ab, doch es ist auch Schulabhängig wie viele Freiheiten eine Lehrperson hat. Auch das Interesse der SchülerInnen und der Einsatz der Lehrkräfte wären gefragt, so wäre durchaus vorstellbar beispielsweise einen fächerübergreifenden Workshop zu diesem Thema zu organisieren. Das jeder mit seinem Tun eine gewisse Verantwortung trägt wird, denke ich, vielen erst spät oder im Nachhinein bewusst, wenn sich zum Beispiel Nachbarn negativ äußern. Das sich ein Gebäude auf seine Umgebung und auch auf das Leben vieler auswirkt könnte ein wichtiger Aspekt der Vermittlung sein. Ideal wäre es natürlich, wenn sich ArchitektInnen dazu bereit erklären würden an Schulen, oder gar ganz allgemein im öffentlichen Raum, anhand von Vorträgen oder dergleichen dazu beizusteuern den Menschen für die Architektur einen offeneren Blick und auch eine Sprache zu geben. Denn nicht nur Kinder könnten von einer solchen Wissensvermittlung etwas mitnehmen.

  5. Sehr gelungener Artikel! Wo soll Baukulturvermittlung stattfinden? Die meisten Menschen denken da natürlich sofort an die Schule – wieso auch nicht… Die Schule ist meiner Meinung nach der perfekte Ort um ein Grundverständnis in diesen Bereich zu vermitteln. Grundverständnis! Kein Expertenwissen! Der Lehrplan sollte natürlich erfüllt werde, jedoch nicht einschränken! Als Lehrperson hat man für gewöhnlich einen kreativen Kopf, wenn also ein Bedürfnis nach Baukulturvermittlung besteht, findet man einen Weg dies zu meistern und gut zu vermitteln. Schülerinnen und Schüler sind meistens sogar sehr dankbar darüber, wenn sie mit Themen konfrontiert werden, die im „späteren Leben“ sehr wohl nützlich sein können und alle betrifft. Zu Beginn finde ich persönlich es wichtig, dass besonders auf Interessensweckung der Fokus liegt. Schülerinnen und Schüler, die bisher noch kein Interesse an Architektur und Bauwesen hatten, Baukulturvermittlung nahe bringen zu wollen, ist wahrscheinlich wenig sinnvoll. Offen für Neues sein – das gilt nicht nur für Schüler und Schülerinnen, sondern ganz besonders für die Lehrpersonen.

  6. Ich stimme diesen Artikel vollkommen zu! Wir verbringen 2/3 unseres Lebens mit Wohnen, sowie der Großteil unseres Geldes fließt ins Wohnen und Bauen. Es ist ein sehr privater Raum an dem wir uns wohlfühlen, entspannen und auch viel erleben. Darum finde ich die Idee der Baukulturvermittlung sehr gut.
    Salzburg bietet bereits ein Angebot an, welches Architekturbegeisterte fördert und auch Unwissende erreichen will. Das at+s (salzburger modell prozesshafter architekturvermittlung) fördert und begleitet bereits seit 20 Jahren die Architektur- und Technikvermittlung an Salzburger Schulen. Sowie in der Architekten Kammer Salzburg finden Ausstellungen von Schülern und Schülerinnen statt die sich mit dem Thema Architektur und Stadtraum auseinandersetzen.

  7. Aufgewachsen in einer ländlichen, grünen Umgebung, wo man bis an den unverbauten Horizont sehen konnte, ist für mich das Themenfeld der städtebaulichen Entwicklung und Bewusstwerdung umso spannender. Mittlerweile wohnhaft in der Stadt, kann ich nur mehr an wenigen Plätzen bis zur Horizontlinie blicken. Dazwischen bieten Firmengebäude, Wohnhäuser und Wohnungstürme den BewohnerInnen Platz zum Leben und Arbeiten.
    Gerade im Sommer frage ich mich, wie viel Zeit ich innerhalb von bebauten und zugedeckten Räumen einnehme, wie oft ich draußen bin, wie oft im Halb-draußen (Balkon, Terrasse etc). In der Stadt zu wohnen, bedeutet auch ein anderes Gefühl für Natur zu erlernen, für Tiere wie Spinnen, auch für Erde, Schmutz und Dreck. In der Stadt bedeckt ein anderer Schmutz die Böden und Ritzen.
    Vermittlungsarbeit über Städtebau wird also umso erfolgreicher sein, wenn etwa nach einer Veränderung des Wohnortes selbst befragt wird. Im kleineren Sinne, und ohne die Stadt zu wechseln, wäre ganz klar die Schule oder auch das Zuhause einer Familie ein guter Ort für Vermittlungsarbeit, um sich mit der eigenen Wohnungssituation, der von unseren NachbarInnen im kleinen wie im globalen Sinn auseinanderzusetzen. Wie haben unsere Vorfahren und unsere Elternteile gewohnt? Wo verbrachten sie ihre Nachmittage? Welche Aktivitäten machen wir heute an bestimmten Orten bevorzugt? An welchen Gehwegen hasten wir dahin? Wo neigen wir zum Entlangschlendern?
    Auch eine Art Landkarte des Wohnorts kann einen analytischen, kritischen Blick auf sein Umfeld eröffnen, um so auch Veränderungen, Wertschätzung und Verbesserungen für vorhandene Orte zu schaffen.

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