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Einmauern oder öffnen

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Reprise Belebung Öffentlicher Raum Altstadt Salzburg

Anlässlich der ständig wiederkehrenden „professionellen“ Vorstellungen einer Belebung der Altstadt Salzburg durch die Politiker der Provinz und ihren gemachten Urlaubserfahrungen empfiehlt die Redaktion den Beitrag Norbert Mayr vom 8. Juni 2001 (!)

Eine urbane Erfrischung für die Altstadt bedeutet die Buslinie direkt über Dom- und Residenzplatz.

Was auch immer beim schwer fassbaren Begriff der Urbanität mitschwingt, ob politische Emanzipation, Dynamik oder Dichte, ein wesentlicher Teil ist die städtische Qualität der Vernetzung, der Kommunikation.

In der Altstadt Tendenz zum „Einmauern“

Die Salzburger Altstadt wird aus ihrem gesamtstädtischen Kontext gerissen. Einen der Höhepunkte dieser seit langem existierenden Tendenz zur „Einmauerung“ der Altstadt bescherte Salzburg ein von Vizebürgermeister Karl Gollegger eingeladener Experte: Er machte den Vorschlag, Eintritt für das Stadtzentrum zu verlangen.

Auf strukturelle Probleme der Stadt wird oft mit falschen Strategien reagiert. So verbreitete Vizebürgermeister Karl Gollegger die Idee, den Konsum von Alkohol im öffentlichen Raum der Altstadt zu verbieten. Damit müsste – in logischer Konsequenz – das aufblühende Schanigartenwesen trockengelegt werden.

Fußgängerzonen-Boden ist die „fünfte Fassade“

Anstatt sich den sozialen Problemen zu stellen, werden nicht nur Stadtmauern um eine als „heil“ erwünschte Altstadtinsel erdacht, es werden auch die Stadttore zugemauert.

Neue Stadtmauern werden ebenso errichtet, wenn – trotz nachweislicher Zufriedenheit der meisten Urlaubsgäste – ein überzogener Anspruch an „saubere“ Erscheinung die Altstadt heimsucht. Es wird überlegt und probiert, welche aufwändigen Gerätschaften Kaugummi am besten den Garaus machen. Der Fußgängerzonen-Boden als so genannte „fünfte Fassade“ soll was hermachen. Was aber, wenn nach dem augenscheinlichen Verplattungsbeispiel Sigmund-Haffner-Gasse in einer zukünftigen Bauetappe die kleinformatigen, grauen Granitplatten auch die Getreidegasse „überplatten“? Anheimelnd wird die Gasse dann vielleicht sein, einerseits wird sie für so manchen Gast den Charme deutscher Fußgängerzonen der Siebzigerjahre versprühen, andererseits der Shopping-Mall-Gesellschaft entsprechen.

Viele Frauen-Ideen auch „männergerecht“

Ein Mangel in der Salzburger Altstadt liegt indes im Fehlen konsumfreier Zonen mit angenehmer Aufenthaltsqualität. Das merkt auch der Projektbericht „Frauen in der Salzburger Altstadt“ kritisch an. Für Frauen, die zum überwiegenden Teil die Besucher der Altstadt sind, erstellten 13 engagierte Frauen parteiübergreifend einen Maß-nahmenkatalog.

Viele der Ideen sind auch „männergerecht“, etwa die „Schaffung öffentlicher, sozialer Räume in der Altstadt“ oder die ganzjährige Möglichkeit der Gepäcksaufbewahrung. Die Art und Weise, wie der Vorsitzende des Altstadtausschusses, Erich Schäffer (FPÖ), mit dem Projektpapier und den Frauen umging, mauert hingegen ab und baut weiter an der neuen Stadtmauer im Kopf.

Straßenbahn und Bus sind „geschmeidig“

Früher wurden die Stadtmauern niedergerissen, ebenso Stadttore und so manches Bürgerhaus, wenn sie sich dem Verkehrsfluss „entgegenstellten“. Aber selbst die Schienen von Straßenbahnen sind erstaunlich geschmeidig: Schwer ist heute vorstellbar, dass sich die „gelbe“ Elektrische – die Straßenbahn zwischen Bahnhof und Riedenburg – zwischen 1916 und 1940 durch die Gassen der Altstadt wand. Danach bis 1953 schlängelte sich der Obus ebenso über den Alten Markt und durch Rathaus- und Ritzerbogen.

Ein erfreuliches Ereignis wäre die geplante Rückkehr des öffentlichen Verkehrs in die Gassen und Plätze der Fußgängerzone im Herbst 2001. Die von Taxham kommende Buslinie 81 soll sinnvollerweise durch das Stadtzentrum weitergeführt werden. Sie hat den Probebetrieb diesen Jänner erfolgreich bestanden.

Die Route geht über die Hofstallgasse, den Domplatz und Residenzplatz zum Dr.-Franz-Rehrl-Platz und über die Kaigasse wieder zurück. An der Verlängerungsmöglichkeit nach Gnigl wird noch gearbeitet. Diese macht das Konzept aber erst schlüssig, da der Fahrgast aus dieser Richtung dann nicht mehr über den Mozartsteg gehen muss.

Die neue Präsenz des öffentlichen Verkehrs im Herzen der Stadt, eines Mediums der Vernetzung von Altstadt und Peripherie, ist noch nicht gesichert. Bleibt zu hoffen, dass die Busse nicht wegen Geldmangel vor den Stadttoren stehen bleiben.

Autor: Norbert Mayr
sn | stadtteilzentral 3. November 2000
norbertmayr.com
(Architekturhistoriker und Architekturpublizist, Denkmalpflege, Consulting).

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