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Plattenbelag macht betreten

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Reprise Oberflächengestaltung Öffentlicher Raum Altstadt Salzburg

Anlässlich der professionellen Vorstellungen einer Pflasterung der Salzburger Getreidegasse und den erst 13-jährigen Nachdenkpausen und Erfahrungen des städtischen Strassen- und Bauamtes Salzburg empfiehlt die Redaktion den Beitrag Norbert Mayr vom 3. November 2000 (!)

Norbert Mayr –Grau ist die Plattenleger-Praxis im Konzept „Fünfte Fassade“ in der Altstadt – Die Gasse wird zur Mall

Im Ideenwettbewerb zur Gestaltung der Salzburger Fußgängerzone 1975 war nach einem Gesamtkonzept für die ganze Altstadt gesucht worden. Zwar gab es ein Siegerprojekt (Architekten Heinz Ekhart und Stefan Hübner), seit 1982 entstand aber ein Sammelsurium verschiedener Theorien und Praktiken. Den Beginn machten die Porphyrplatten in der Franziskanergasse, mit Messingleisten „veredelt“. Deutlich besser gelang das Porphyr-Würfelpflaster anschließend in der oberen Sigmund-Haffner-Gasse.

War der Porphyr nicht Pferdehufgerecht, ist die heutige Plattenleger-Praxis indes hellgrau. So wechselt der Boden der schmalen Gasse ab dem Ritzerbogen zu kleinen, grauen Granit-Beton-Verbundsteinen, sodass die „Verfliesung“ sie zum innenräumlichen „Badezimmerboden“ entstellt. Diese Wirkung verbessert sich nicht entscheidend bei der laut Robert Ebner vom Altstadtamt ursprünglich geplanten, gestockten, in der Ausführung sandgestrahlten Oberfläche. Hier wird der öffentliche Raum als Shopping-Mall begriffen und innenräumlich privatisiert.

An dieser Mutation des Räumlichen ändert die Wahl großzügiger Granitplatten wie auf dem Rathausplatz und zwischen Altem Markt und Ritzerbogen nichts Grundsätzliches. Noblesse soll der gestockte Untersberger Marmor im Ritzerbogen versprühen.

Das städtische Projekt hat den hehren Anspruch, die „historische Pflasterung der Plätze und Gassen in der Altstadt voranzutreiben“. Historisch nachgewiesen in Salzburg ist aber nur die Bachsteinpflasterung. Ahistorisch sind das Material Granit-Beton-Verbundplatten, die Verlegung als Platte statt würfelförmigem Pflasterstein und die verständlicherweise zeitgemäßen Bearbeitungsmethoden wie das Schneiden.

Schon dem Namen „Fünfte Fassade“ wohnt der Fehlschluss inne: Fassade stammt von Facciata – Gesicht. Zwischen Fassaden und Boden erst formuliert sich der städtische, öffentliche Raum. Der Boden hat eine wichtige, eigene Funktion und verlangt selbstverständlich nach einer Gliederung. Plattenbeläge sind dabei nicht förderlich und haben nichts mit der „Boden-Geschichte“ Salzburgs zu tun.

Neben dem ungleich stimmigeren Steinwürfel-Pflaster ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Salzburg Asphalt ein äußerst bewährtes, modeunabhängiges Material. Asphalt hat in Salzburg insofern Tradition, da immer die günstigste Art der Straßenbefestigung eingesetzt wurde. Es ist ein neutraler, homogener Stra-ßenbelag und – entsprechend gestaltet – für die Gassen und Plätze der mittelalterlichen Stadt-Bereiche geeignet.

Beim Wettbewerb 1975 hat Architekt Gerhard Garstenauer folgendes System vorgeschlagen (2. Preis): Zu den unregelmäßig verlaufenden Sockellinien der Häuser sollte eine kleinformatige Natursteinwürfel-Pflasterung vermitteln. Diese Traufenbänder als Zwischenglied bildeten mit Querbändern im Abstand der Wassereinlaufbreite ein gliederndes Netz. Für die „Maschenfüllung“ in Gassen und Plätzen gab Garstenauer Gussasphalt den Vorzug, der neben seiner zurückhaltenden Wirkung hohe „Fußfreundlichkeit“ aufweist.

Asphalt ist – etwa in Verbindung mit stimmig angeordneten Bereichen und Zäsuren in Granitwürfel und sauber verarbeitet – noch heute das adäquate Material für den (alt-)städtischen Straßenboden. Dies zeigen Beispiele, wie die 1997 fertiggestellte Fahrspur der oberen Linzer Gasse oder die Felder des Universitätsplatzes. Asphalt ist kostengünstig, zweckmäßig und im Gegensatz zu fliesenartigen Belagsvarianten unterschätzter Teil zeitgemäßer Urbanität, wobei Altstadträume sich weder dem Indoor-Flair von Einkaufszentren anbiedern, noch von den angrenzenden Vierteln separiert werden. Asphalt ist auch in der Altstadt kein verwerfliches Material, wenn er nicht ungegliedert „ausrinnt“ oder geflickt ist.

Der Reiz der Gassen von Salzburg braucht sicherlich keine zweifelhafte „Belebung“ durch kleinliche Granitverfliesungen. Die vielbeschworene Belebung muss hinter den Fassaden und auf dem Boden stattfinden.

Autor: Norbert Mayr
sn | stadtteilzentral 3. November 2000
norbertmayr.com
(Architekturhistoriker und Architekturpublizist, Denkmalpflege, Consulting).

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