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domenighaus foto: denkmalschutz erich j. schimek überabreitung bernhard jenny creative commons

Einige Gedanken zur großen und kleinen gebauten und ungebauten Wiener Architekturvergangenheit.

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Hannes Stiefel / Patrick Krähenbühl – über »Z«-Filiale, ehemalige, Wien-Favoriten, 1979 Günther Domenig, Juridicum, Wien, (1968-)1984 Ernst Hiesmayr, »Synthese Museum Wien«, Wettbewerb Museumsquartier, Wien, 1987 PAUHOF Architekten (ungebaut), Unger und Klein, Weinhandlung und Bar, Wien, 1992 Eichinger oder Knechtl, Fluchtstiege Sigmund Freud Museum, Wien, 1997, Wolfgang Tschapeller

»Z«-Filiale, ehemalige, Wien-Favoriten, 1979 Günther Domenig

In einer Zeit, als Banken noch nicht am Steuertropf hingen, hatte sich die Wiener Zentralsparkasse umgekehrt mit staatstragendem Selbstverständnis zum Ziel gesetzt, ein Bankgebäude zu errichten, das über seinen herkömmlichen Bestimmungszweck hinaus kulturelle und kommunale Aufgaben übernehmen sollte. Günther Domenigs Übersetzung dieses Auftrags ist strukturell charakterisiert durch Spreng- und Hängewerke, die dem Geschossbau jene Freiheitsgrade geben, die, entsprechend dem Programm, eine grosszügige räumliche Durchdringung von öffentlich zugänglichen und abgeschirmten Gebäudeteilen ermöglicht.
Die Blechfassade erscheint in der präzisen geometrischen Ausführung ihrer metaphorischen Architektursprache sowie dem Verlauf ihrer Porosität wie ein früher Vorläufer aktueller, computergenerierter, kontinuierlich ineinander übergehender Architektur- und Blendsysteme. Die Frage, ob sie den heutigen Parametrikern eher Vorbild, unbekannt, oder aufgrund Domenigs individueller Mythologie doch eher suspekt ist, steht noch im Raum.
Dass mit der konsequenten Verwirklichung des vom Auftraggeber geforderten Anderen – das die grundsätzliche Labilität von Kontinuität anzeigt – auch der Fortgang dieser progressiven Auftraggeberkultur zum Stillstand kam, gehört zu den Tragödien (nicht nur) der Wiener Baukultur.

Juridicum, Wien, (1968-)1984 Ernst Hiesmayr

Selten sind konstruktiv-technologische Innovation und stadträumliche Grosszügigkeit so direkt miteinander verknüpft wie bei diesem Glücksfall für Wien. Der Strassenraum zieht sich im Erdgeschoss hangbegleitend durchs Gebäude hindurch, wo Stiegen und Rampen hinunterführen zu den Hörsälen oder hinauf in Cafeteria, die topographisch in das mehrgeschossige Raumkontinuum eingebunden ist.

Es sind die Sachzwänge des Grundstücks – der hochliegende Grundwasserspiegel und die beschränkte Bauhöhe – verbunden mit dem Wunsch einer freien Erdgeschosszone, welche den Architekten veranlassten, das Gebäude über die vier längsverlaufenden Stahlfachwerke des Attikageschosses abzuhängen. Das Resultat ist eine Grossstruktur, die sich sowohl souverän in die Blockbebauung des Ringstrassenhinterlandes einfügt und gleichzeitig deren Starrheit aufzulösen vermag. Von innen her bildet die umliegende Blockrandbebauung den eigentlichen Raumabschluss, während die spiegelnde Fassade des Juridicums jene der Nachbargebäude zur eigenen macht. Im Detail wird die räumliche Verschmelzung von Stadtraum und innerer Topographie unterstrichen durch die Art und Weise der ähnliche Gestaltung von Mobiliar und Beleuchtung in den beiden Zonen.

Der technoide Charakter des janusköpfigen Gebäudes (mit seinen aus Brandschutzgründen wasserführenden, unverkleideten Hängesäulen und Fachwerksträgern, und mit den als Niedertemperatur-System ausgebildeten Fassadenprofilen) wie auch seine allgemeine Erscheinungsform im Stile der 70er Jahre (der Zeit seiner Konzeption) wurde und wird dem Bauwerk zum Vorwurf gemacht. Das Zeugt von einer anhaltend oberflächlichen Rezeption einer tatsächlich substantiellen und sorgfältigen Intervention in der Wiener Innenstadt. Und so gibt es auch jene Passanten, die sich freuen ob des Anflugs von Internationalität oder gar einer Art amerikanischer Grosszügigkeit an dieser Stelle.

»Synthese Museum Wien«, Wettbewerb Museumsquartier, Wien, 1987 PAUHOF Architekten
Ungebaut

Es gibt Projekte, die, nie ausgeführt, Leerstellen hinterlassen. Grosse Lücken, die zwar niemand sieht oder sehen will, weil mittlerweile eine Plombe in der Form eines andern Projekts das Loch in der Stadt oder in der Kulturlandschaft verschliesst.
Manchmal bleibt die Lücke offensichtlich, wie im Fall des nicht realisierten Wettbewerbsbeitrags von PAUHOF zum Wettbewerb Museumsquartier. Das MQ, ist aufgrund eines grossen verkehrsfreien Innenhofs mit einer Vielzahl Restaurants und eines geschickt lancierten multifunktionellen Sitz- und Liegemöbels im konsumfreien Raum mittlerweile als gesellschaftlicher Hot Spot etabliert. Es hat jedoch nichts zur Verbesserung der stadträumlichen Umgebung beigetragen und auch nichts zu einer Verortung zeitgenössischer Kunst im urbanen Raum – es kämpft vielmehr seit Jahren mit verzweifeltem Aktionismus um seine Sichtbarkeit im Stadtgefüge.

Das Projekt verfolgte auf radikale Weise Synthesen auf unterschiedlichen Ebenen: Jene der Museumslandschaft rund um den Mara-Theresien-Platz mit dem Naturhistorischen Museum, dem Kunsthistorischen Museum und dem Museum Moderner Kunst; die Synthese der orthogonalen Stadtstruktur des Semperschen Kaiserforums aus dem 19.Jhdt. und der gewachsenen Struktur der Blockrandbebauungen am Hang des 7. Bezirkes, unter Einbezug der dazwischenliegenden, aus den Systemen ausscherenden Hofstallungen; sowie eine Synthese zwischen künstlerischem Schaffen, Kunstvermittlung und moderner, urbaner Identität. „Daher eine offensive Lösung: Das Synthese Museum – ein Versuch in der Architektur die Grenzen zwischen Imagination und Machbarkeit zu öffnen.“

Letzteres, ist auch PAUHOF offensichtlich nicht gelungen. Das Projekt aber gehört zusammen mit Hans Holleins Vorschlag für die Erweiterung der Technischen Universität und Coop Himmelb(l)aus Ronacher-Theater-Projekts zweiffellos mit zu jenen ungebauten Architekturprojekten, deren Ignorierung oder Nichtrealisierung eine für diese Stadt und dieses Land verpasste Chance darstellt und den dringend nötigen Innovationsschub verhinderte – speziell auch hinsichtlich der unumgänglichen Diskussion des Umgangs mit tradierten Werten und ubiquitärer historischer Bausubstanz.

Unger und Klein, Weinhandlung und Bar, Wien, 1992 Eichinger oder Knechtl

Sie haben damals ein wenig Welt ins schläfrige Wien gebracht. Oder auch viel, wenn man sich die Zahl der Kaffeehäuser, Restaurants, Bars und Shops vor Augen führt, die das Architektenteam atmosphärisch und hinsichtlich Designkultur auf einen Level hob, den man eher in Barcelona oder in New York verortet hätte. Dass Eichinger oder Knechtl den erfrischenden Konzepten dennoch eine österreichisch-wienerische Lesart eingeschrieben hatte, machte diese nicht nur einzigartig und erfolgreich, sondern wurde von Zigdutzend Nachahmern oft auch übersehen. Doch die Kopie ehrt das Original, wodurch das Unger und Klein (man könnte auch das First Floor nennen, das Café Stein…) still und leise ein hochdekoriertes Kleinod wurde – ohne Orden nota bene.

Nichts hat sich verändert in den Lokalen in über 20 Jahren, nicht Konzept, nicht Einrichtung, und auch die Wirtsleut nicht: Architektur als Massanzug, tailored to fit and last.

Es ist das Spiel mit unterschiedlichen Massstäben und multiplen Wahrnehmungen, das den Ort so zeitlos macht. Ob Weinhandlung und/oder Bar, Lagerraum und/oder (Re-)Präsentationslokal, Tisch und/oder Bar, Verpackungsmaterial als solches und/oder als Gestaltungsmittel, ein verbotener Durchgang in ein dubioses Hinterzimmer und/oder verführerisches Tor in die wahren Orte des Weins, internationales Design und/oder wienerische Präzision des Beiläufigen, billigstes Material und/oder edle Oberflächen, Schulzimmererinnerungen und/oder der Ruf der grossen Welt – manchmal reicht ein Schritt hin in ein anderes räumliches Verhältnis zum Spiegel…Alles ist einzig abhängig von der (selbst gewählten) Position und Lesart des bewegten Betrachters. Der Gast ist der König, küss die Hand gnä’ Frau!

Fluchtstiege Sigmund Freud Museum, Wien, 1997, Wolfgang Tschapeller

Die Analyse ist nicht immer der Weg zum Glück.

Natürlich können und werden wir dem manchmal überraschenden Verlauf der Kräfte folgen und den Ausfallschritten, die nötig sind, um ein Material einer inneren Logik folgend in die ihm zugedachte Position und Form zu bringen; wir werden uns freuen oder wundern über Art und Einsatz von Zitaten oder Stellen, die wir als solche zu deuten glauben; wir können kontemplieren über die Umkehr von Richtung und Geschwindigkeit der vorgesehenen Nutzung, die die Fluchtstiege für den Normalfall rüstet und ihn zum Glücksfall macht; vielleicht können wir Gründe und Erklärungen finden für die sprechkanzelartig formulierte Podestabschlüsse, die in ihrer jeweiligen Ausrichtung einladen könnten zu Danksagungen oder Schimpftiraden Richtung Arbeitszimmer des Dr. Freud, zum Monolog an eine Wand oder zu einer Predigt in den leeren Hinterhof.

Eine Analyse dieser Stiege wird auch bei wiederholten Besuchen Stückwerk bleiben. Unmöglich die klare Deutung dieser Kleinarchitektur im Stile einer Erzählung von Jorge Luis Borges, die, statt sich aufzuschliessen, sich aufführt und ihre Geschichte behauptet auf einer andern Ebene, und auch ihre Zeit, die eine ganz eigene ist oder sein könnte, wie auch die Traumzeit eine eigene ist. Es soll, nach Borges, am Abend eine Stunde geben, in der die Ebene kurz davor ist, etwas zu sagen; sie sagt es nie, oder vielleicht sagt sie es unaufhörlich und wir verstehen es nicht, oder wir verstehen es, aber es ist unübersetzbar wie Musik…

Die Fluchtstiege im Hof des Sigmund Freud Museums setzt Untersuchungen im Entwurf voraus, aus denen Architektur erst wirksam wird.

Autoren:
Hannes Stiefel, Wien/Zürich, Architekt, Univ.Prof. Akademie der bildenden Künste Wien
www.stiefelkramer.com
Patrick Krähenbühl, Wien, Architekt, architecture, design, art und fun
www.spaceoperators.at

Bild: Erich J. Schimek creative commons

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