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Offene Räume für eine offene Gesellschaft

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Erich RaithFür welche Gesellschaft bauen wir?
Die Muster, nach denen unsere Gesellschaft ihre Lebensprozesse im Raum organisiert, sind nach wie vor von Vorstellungen geprägt, die aus der Zeit der Industrialisierung stammen. Industriegesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits ihre Zeitpläne genau nach Funktionen gliedern (Arbeitszeit, Wohnen, Freizeit) und andererseits auch ihre Lebensräume funktionsspezifisch strukturieren. Das geschieht auf allen Maßstabsebenen. So gibt es Regionen, die der Produktion, und andere, die der Erholung gewidmet werden, es gibt Wohnquartiere, Gewerbegebiete, Business Districts, Freizeitparks etc. Auf der Maßstabsebene der Gebäude werden ebenfalls monofunktionale Strukturen hergestellt, Wohnbauten, Bürohäuser, Einkaufszentren etc. Dieses Prinzip der Entflechtung von Funktionen setzt sich auch bei der Widmung, Dimensionierung und Gestaltung von Innenräumen fort: die exakt konfigurierte zweizeilige Küche, das für ein Doppelbett mit NachtkästchenproportionierteSchlafzimmer, der Wohnraum mit TV-Wandverbau etc. Die gleiche funktionelle Spezialisierung geschieht in den Gebäuden, die für bestimmte Arbeitsprozesse maßgeschneidert werden. Aber: Leben wir noch in einer Industriegesellschaft? Lassen sich unsere Lebensprozesse, unsere immer bunter werdenden Lebensstile, unsere sozialen Beziehungsmuster noch in deterministische zeit- und raumspezifische Korsette zwängen? Oder verlangen die gegenwärtigen und die absehbaren gesellschaftlichen Entwicklungen nicht schon längst andere Antworten auf die Fragen der Raumorganisation – und zwar ebenfalls auf allen Maßstabsebenen? Kann man dabei sinnvoll an vorindustrielle Traditionen anknüpfen, die sich in Hinblick auf die Nutzung räumlicher Ressourcen durch wesentlich höhere Komplexität, Flexibilität und Intensität, besonders auch durch mehr Offenheit gegenüber unterschiedlichen Ansprüchen und Veränderungen ausgezeichnet haben?

Ressourceneffizienz
Eine Zerteilung unserer Lebensräume nach funktionalistischen Kriterien bewirkt einerseits, dass sehr viel Zwangsmobilität verursacht wird, da die einzelnen Komponenten unseres Alltagslebens (Arbeiten, Wohnen, Freizeit, öffentliches Leben etc.) nur durch Ortswechsel kombiniert werden können. Wir erleben mittlerweile hautnah, dass dieses Konzept an seine Grenzen stößt. Der Individualverkehr in Ballungsräumen ist von Staus geprägt. Die Energie, die für Mobilität verbraucht wird, wird immer knapper und teurer.Wir leiden unter den Gefahrenpotenzialen, dem Lärm und anderen schädlichen Emissionen des Verkehrs, die zum Klimawandel beitragen. Die durch unsere Lebensweise bedingten Verkehrsinfrastrukturen verschlingen nicht nur enorme Flächen, sondern auch Kosten. Andererseits bewirken die von Funktionstrennung geprägten Raumorganisationen, dass jeder einzelne funktionell spezialisierte Bereich in seiner Nutzungsintensität ausgedünnt wird. Die Arbeitsstätten stehen leer, wenn nicht gearbeitet wird, die Wohnungen stehen leer, wenn die Menschen an ihren Arbeitsplätzen sind. Die zwangsläufige Ausdünnung der Nutzungsintensität betrifft auch Infrastrukturen, Erschließungsflächen und öffentliche Räume, die oft aufwendig hergestellt und gewartet werden müssen, aber nicht adäquat genutzt werden. Insgesamt stellt dieses Modell eine enorme Verschwendung räumlicher, energetischer und humaner Ressourcen dar. Es ist keinesfalls nachhaltig und wird unter dem zunehmenden Zwang zu Ressourceneffizienz grundlegend korrigiert werden müssen.

Zukunftstauglichkeit
Funktionalistische Raumorganisationen sind nicht nur in Hinblick auf Ressourceneffizienz problematisch, sie tragen auch ein sehr viel größeres Entwicklungsrisiko in sich. Die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich in allen Bereichen (Produktions- und Arbeitsbedingungen, Familienstrukturen, Biographien, Lebensstile, Karrieren, Alltagskulturen etc.) immer dynamischer und immer differenzierter. Zukünftige Entwicklungen werden immer schwerer prognostizierbar. Wie aber sollen möglichst langlebige, robuste und mehr oder weniger starre baulich-räumliche Strukturen, die für bestimmte Verhältnisse maßgeschneidert worden sind, auf diese Dynamiken reagieren? Wie können sie dieses Tempo der Veränderung nachvollziehen? Ein permanentes Ersetzen unpassend gewordener Strukturen durch neue würdegenerell enorme Kosten verursachen und einen enormen Verschleiß an Ressourcen bedeuten. Wie müssten Alternativen aussehen, die vermeiden, dass baulich-räumliche Strukturen zu rasch in Widerspruch zu den sich ändernden Bedürfnissen der Nutzer geraten? Wie können räumliche Ressourcen angelegt werden, die entwicklungs-, anpassungs- und „lern“-fähig sein können. Eine Analyse historischer Stadtentwicklungen verweist dabei auf charakteristische Entwicklungsphänomene:

Die Stadt als Prozess
Wenn heute historische Stadtkerne hoch in Wert stehen und vielleicht sogar zum Weltkulturerbe erklärt werden, dann werden Qualitäten beurteilt, die offensichtlich nicht durch einen singulären genialischen Entwurf entstehen können. Sie entstehen offensichtlich nur durch langfristig ablaufende Entwicklungsprozesse, die dafür sorgen können, dass baulich-räumliche Strukturen ständig aktualisiert und mit neuen Aspekten angereichert werden können, ohne dabei die signifikanten Suren und kulturellen Werte ihrer Geschichte zu verlieren. Diese morphologisch-typologischen Prozesse folgen im Lauf der Geschichte bestimmten Logiken, die wesentlich mit der intelligenten Verwertung bestehender baulich-räumlicher Strukturen zusammenhängen. Sie gelingen offensichtlich umso überzeugender, je größer die „strukturelle Offenheit“ dieser Strukturen ist, je leichter Räume mit geringem Kostenaufwand umgenutzt, korrigiert und aktualisiert werden können. Solche Strukturen können nicht nur langfristig intensiv nutzbar und damit wertbeständig sein, sie können offensichtlich an Wert sogar gewinnen. „Strukturelle Offenheit“ scheint ein entscheidendes Kriterium dafür zu sein, ob Gebäude und Quartiere durch Gebrauch verschlissen werden und irgendwann einmal auf der Müllhalde landen, oder ob sie – wie Antiquitäten – an Wertschätzung zugewinnen. „Strukturelle Offenheit“ scheint auch die wesentliche Voraussetzung dafür zu sein, dass sich unabhängig von deterministischen Planungen Lebensprozesse selbstorganisierend entfalten und effizient in vorhandene räumliche Angebote einnisten können. Genau das ist wiederum eine Voraussetzung für das Entstehen vitaler Urbanität. Die Systemeigenschaften baulich-räumlicher Strukturen entscheiden mit, ob ein Lebensraum zu einer komplex funktionierenden, lebendigen Stadt, oder doch nur zu einer einseitig genutzten Siedlung wird. Die entwicklungsfähige Stadt ist jedenfalls das zukunftsfähigere und nachhaltigere Modell.

Das neue Stadthaus
„Das neue Stadthaus“ steht für eine bebauungstypologische Zukunftsperspektive, die im Sinne nachhaltiger Raumentwicklung und vitaler Urbanität auf die Optimierung „struktureller Offenheit“ abzielt. Unter Einbeziehung der aktuellsten Erkenntnisse aus allen relevanten Disziplinen geht es darum, die Probleme funktionalistisch geprägter Raumorganisationen auf allen Maßstabsebenen zu überwinden. Eine „offen“ konzipierte Raumstruktur soll gewährleisten, dass hohe Raumqualitäten und höchste bautechnische Standards wirtschaftlich herstellbar sind, dass die so entstehenden räumlichen Ressourcen flexibel genutzt, veränderten Bedürfnissen gut angepasst und immer wieder nutzerspezifisch angeeignet werden können. Dadurch entstehen Potenziale, die Nutzungsintensität von Gebäuden, Infrastrukturen und öffentlichen Räumen gegenüber monofunktionalen Strukturen wesentlich zu erhöhen. Die Lebensräume können in ihrer Vitalität komplexer, entwicklungsoffener und ressourceneffizienter werden. Die „Offenheit“ der baulich-räumlichen Grundstruktur gewährleistet darüber hinaus, dass einerseits durch die Regelhaftigkeit des typologischen Grundkonzeptes räumliche Zusammenhänge und gestalterische Ensemblewirkungen begünstigt werden können und andererseits angemessene Individualisierungen der Einzelobjekte ermöglicht werden. „Das neue Stadthaus“ ist in diesem Sinn mehr als ein architektonisches Einzelobjekt. Es ist ein nachhaltig wirksames städtebauliches Grundelement von strategischer Bedeutung für die gesamte Stadtentwicklung – und zwar sowohl im Bereich der Stadterneuerung wie in jenen Bereichen, wo die Herausforderung besteht, zukunftsfähige Stadtquartiere neu zu schaffen.

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Autor
Erich Raith

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