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Masterplan Glacis: Offener Brief als Stellungnahme

Ein Kommentar

Erich Raith zum Artikel „Vom Glück, das wir nicht wollen“ von Andreas Vass

Sehr geehrter Herr Kollege Vass!

Das ist eindeutig zu viel der Ehre. In ihrer Polemik gegen den „Masterplan Glacis“ wird nur ein Name genannt: meiner.

Sie beginnen diese Übung mit einem Hinweis auf das „Kooperative ExpertInnenverfahren“ zum Projekt Hotel InterContinental / WEV / Konzerthaus, das 2012 durchgeführt wurde. Ich war damals allerdings „nur“ Mitglied eines mindestens fünfköpfigen Planungsteams, das neben zwei weiteren unterschiedlich großen Planungsteams und begleitet von breit aufgestellten Leitungs-, Beurteilungs- und Beratungsgremien über zukünftige Entwicklungen des Betrachtungsgebiets nachdenken durfte. Sie qualifizieren dieses damals innovative Verfahren als „gescheitert“, obwohl am Ende alle Beteiligten gescheiter waren, als vorher. Sicher hat diese Vorgangsweise nicht zu jenen „Ergebnissen“ geführt, die sich viele Mitwirkende und viele Beobachter erhofft hatten, wobei diese Erwartungen ja extrem unterschiedlich bis gegensätzlich waren. Sollte Ihrer Meinung nach ein solches Verfahren nur erwartbare Wunschresultate hervorbringen dürfen?

Den folgenden internationalen Wettbewerb zum selben Thema lassen Sie in Ihren Betrachtungen weg, obwohl Sie ihn sicher auch als gescheitert qualifizieren. (Vielleicht, weil ich dabei weder als Planer, noch als Juror oder in einer sonstigen Funktion eine Rolle gespielt habe?)

Sie holen mich erst wieder in Zusammenhang mit dem „Masterplan Glacis“ allein vor den Vorhang, so als wäre ich sein Verfasser. Zur Klarstellung: Dieser Masterplan wurde – wie ja klar ausgewiesen ist – nicht von mir, sondern vom Magistrat der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Institut für Raumplanung erstellt. In diesen Prozess waren alle maßgeblichen Ebenen der Politik und der Stadtverwaltung, alle zuständigen Fachdienststellen, die betroffenen Bezirke und Interessensvertretungen involviert. In Zusammenhang damit wurden von zwei Universitätsinstituten der Technischen Universität und der Universität für Bodenkultur, von drei themenspezifisch erfahrenen Ziviltechnikerbüros und einem Konsulenten für Kulturmanagement fünf Grundlagenstudien erarbeitet, die ein breites thematisches Spektrum abzudecken hatten (Stadtgeschichte, Planungsgeschichte, Stadtmorphologie, Bebauungstypologie, Transformation, Szenarienentwicklung, Grün- und Freiraumsituation, sozialräumliche Situation, urbanistische Sonderthemen, Abstimmung mit dem aktualisierten Hochhauskonzept der Stadt Wien, Standortoptionen und Institutionen für Kunst, Kultur und Wissenschaft etc.). Die von Ihnen mehrfach in abwertendem Tonfall angesprochenen Entwicklungsszenarien sind durch Kooperation aller Studienautorinnen und -autoren und in enger Abstimmung mit der Planungspolitik und den Fachdienststellen des Magistrats konzipiert worden.

Leider sind diese Grundlagenstudien (noch) nicht publiziert worden. Das mag als Entschuldigung dienen, warum in Ihrem Artikel auch die planungsmethodische Rolle und der narrative Charakter dieser Entwicklungsszenarien verkannt und sie mit konkreten Planungen verwechselt werden. Ich möchte jetzt aus Platzgründen nicht alle von Ihnen angesprochenen Punkte zitieren, aus denen deutlich wird, dass Sie die umfassende Arbeit, die hier in den Bereichen der Recherche und Konzeption interdisziplinär geleistet wurde, nicht kennen.

Dass Sie vor der Formulierung Ihrer Kritik nicht gründlicher recherchiert haben, ist bedauerlich. Ausgesprochen ärgerlich ist aber, dass Sie so unterschwellig wie massiv gegen alle an der Erarbeitung des Masterplans Beteiligten den Vorwurf erheben, hier als willfährige Gehilfen der in Wien aktiven Investoren tätig zu sein. Dieser Vorwurf ist perfid und ich weise ihn hier im Namen aller von Ihnen unter Generalverdacht gestellten Expertinnen und Experten entschieden zurück.

So wie Sie hier ohne ausreichender Kenntnis der Sachverhalte irreführende Aussagen veröffentlichen, unterscheiden Sie sich nicht von dem von Ihnen zitierten Investor (DDr. Michael Tojner), der im ORF behauptet hat, die Technische Universität hätte für sein Projekt (Hotel InterContinental / WEV) eine positive Machbarkeitsstudie erstellt. Auch diese Behauptung war eindeutig falsch. Solche Botschaften, die aus Irrtümern oder aus (bewusst oder unbewusst?) verbreiteten Missverständnissen resultieren, erklären sich wohl im einen wie im anderen Fall nicht aus dem Wunsch nach korrekter Information oder nach konstruktiver Diskussion, hier werden seriös erarbeitete Studien missbraucht, um andere, nämlich die jeweils eigenen, Strategien zu verfolgen.

Ich darf Ihnen versichern: Die Erarbeitung des Masterplans war in jeder Phase von Ambitionen geprägt, den Interessen jener Bürgerinnen und Bürger Wiens gerecht zu werden, die diese Stadt in allen ihren Teilen als vitalen urbanen Lebensraum erhalten und weiter verbessert sehen wollen. Diese Zielvorstellung, die ja durch den einstimmigen Beschluss der Stadtentwicklungskommission über alle Parteigrenzen hinweg eindrucksvoll bekräftigt wurde, schließt zwangsläufig mit ein, dass auch das prominente Zentrum Wiens auf den Weg in die Zukunft mitgenommen werden muss – so, wie es auch in den vergangen Wachstumsphasen zum Wohle der Stadt immer wieder – und oft unter Inkaufnahme radikaler Transformationen – geschehen ist. Oder wollen wir dort nur mehr eine Mischung aus antiurbanem Business District, alteingesessenem Verwaltungsbezirk und touristischem Themenpark haben? Wollen wir nur mehr die städtebaulich-architektonischen Leistungen vergangener Jahrhunderte in einem stagnierenden Freilichtmuseum besichtigen? Wenn nicht, stellt sich die diffizile Frage, mit welchen Methoden und Instrumenten man eine qualitätsorientierte Weiterentwicklung in Gang bringen und angemessen steuern kann. Der Masterplan Glacis ist jedenfalls eine engagierte und zeitgemäße Initiative in diese Richtung! Einen Kaiser, der zur Feder greift und mit Blick auf seine Residenzstadt niederschreibt „Es ist Mein Wille …“, den gibt es ja nicht mehr – was manche Stadtplaner angesichts ihres komplizierten Berufsalltags vielleicht bedauern mögen. Genau das wäre ein Glück, das ich nicht will.

Sehr geehrter Herr Kollege Vass! Ich möchte Ihnen von Architekt zu Architekt einen Vorschlag machen: Wie wäre es, wenn Sie sich in diesen Angelegenheiten einmal auf die ureigene Rolle unseres Berufsstandes besinnen wollten? Wie wäre es, wenn Sie einmal verdeutlichen würden, dass Sie nicht zu jenen Geistern zählen, die stets verneinen und die in jeder Weiterentwicklung der bestehenden Stadt gleich den Untergang des Abendlandes wittern? Wie wäre es, wenn Sie Ihre kostbare Zeit, Ihr profundes Wissen und Ihre Begabungen einmal in einen konstruktiven, konzeptionellen, entwerferischen Diskussionsbeitrag investieren würden? Statt weitere lange, von Vorurteilen, Hintergedanken und Verdächtigungen befrachtete Texte zu verfassen, könnten Sie doch – mit dem gleichen Zeitaufwand und in einem ersten Schritt – zumindest zwei kleine Planskizzen produzieren und kommentieren, eine Skizze, die erkennen lässt, wie Sie sich den Bereich Ringstraße / Glacis in etwa 50 Jahren wünschen und eine zweite Skizze, die nachvollziehbar macht, wie Sie selbst den Bereich Hotel InterContinental / WEV gestalten würden. Dann hätten wir endlich wirklich „gänzlich andere“ Entwicklungsalternativen ohne „unbrauchbare Formalismen“ und ohne „schwammigen Fachjargon“ auf dem Tisch liegen.

Ich muss Sie aber warnen: In dem Moment, wo Sie die Ebene theoretisierender Polemik verlassen und konkrete, realitätsbezogene Vorschläge zu Papier bringen, werden schlagartig Stimmen laut werden – aus welcher Ecke auch immer – die Ihre Vorschläge zerpflücken und Ihnen unlautere Absichten unterstellen werden.

Aber wem sage ich das! Das wissen Sie doch selbst am besten.

In gespannter Erwartung Ihrer konstruktiven Alternativvorschläge
und mit kollegialen Grüßen,

Erich Raith
Ao.Univ.Prof. Arch. Dipl.-Ing. Dr.techn.

Ein Kommentar zu “Masterplan Glacis: Offener Brief als Stellungnahme

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Raith,
    dass Sie vor der Formulierung Ihres offenen Briefes nicht gründlicher recherchiert haben, ist für mich bedauerlich. Sonst hätten Sie nämlich einiges gefunden, was zur Relativierung Ihrer Kritik am Artikel von Andreas Vass beiträgt. Zum Beispiel die schon von Manfred Wehdorn in „Wien Vienna Das historische Zentrum: Weltkulturerbe der UNESCO“, Wien 2004 aufgestellte Behauptung, der zufolge das „stadtauswärts vom Wienfluss gelegene Gebiet im Bereich des 3. Wiener Gemeindebezirks… am Rand der Pufferzone“ von den Bombardierungen…so schwer betroffen“ gewesen sei, dass sein „Wiederaufbau im Sinne der Erhaltung des historischen Stadtbildes nicht mehr möglich war“. Diese den teils heute noch offenkundigen Tatsachen und der historischen Wahrheit widersprechende Darstellung konnte nur den einen Zweck haben: den Verantwortlichen der UNESCO glaubhaft zu versichern, dass es in diesem Stadtareal nach dem zweiten Weltkrieg „zum Aufbau eines neuen Stadtgefüges“ gekommen war, „das sich in Bauhöhe, Bauvolumen und Struktur gänzlich vom alten Wien unterschied.“ (S. 100) – alles Behauptungen, die sich ausschließlich auf zwei Baulichkeiten aus den 60er-Jahren in der engsten Umgebung von Wien Mitte beziehen konnten und – Redlichkeit vorausgesetzt – eine profunde Unkenntnis der Bombenschäden und vor allem der Kampfhandlungen im April 1945 zeigen. Zweck dieser Behauptungen war, den Widerstand der UNESCO und ICOMOS gegen das Projekt Wien Mitte zu brechen. Der wenn auch nur partielle Erfolg ist ja heute sichtbar, weil über das Ergebnis zwar der Mantel des Schweigens, leider aber nicht der das Sehen verhüllende gebreitet wird.
    In bemerkenswerter zeitlicher Koinzidenz mit dem Wertinvest-Projekt, das als einziges noch nicht gebautes von 15 Gebäuden, die für eine „gewissenhafte, aber zeitgemäße Weiterentwicklung der Wiener Innenstadt“ Zeugnis ablegen sollen, abgebildet ist wird in der ebenfalls ad oculos der UNESCO 2014 fabrizierten Broschüre „Wien-Innere Stadt Weltkulturerbe und lebendiges Zentrum“ der Stadt Wien dieses nun durch Schraffierung genau abgegrenzte Gebiet unter der redaktionellen Verantwortung von Manfred und Jessica Wehdorn sowie des Welterbebeauftragten der Stadt Wien Rudolf Zunke abermals tatsachenwidrig als „im 2. Weltkrieg weitgehend zerstörte Bereiche“ bezeichnet (S. 46). Ein Schelm, wer glaubt, dass das nur ein Versehen war, das unkritisch aus dem erstzitierten Buch übernommen wurde, wo doch eine bloße Autopsie die völlige Unhaltbarkeit dieses Darstellungskonstruktes beweist.
    Angesichts solcher Vorgänge, für die das Vorgesagte nur als besonders bemerkenswertes Beispiel dafür dienen kann, mit welchen Mitteln man um den Konsens der UNESCO zum Hochhausbau in der Welterbe-Kernzone bemüht ist, fällt es schwer, den Vorwurf, als willfährige Gehilfen der in Wien aktiven Investoren tätig zu sein, als perfid einzustufen. Vielleicht mag er gegen den einen oder anderen blauäugigen Mitarbeiter am Masterplan Glacis zu Unrecht und als Generalverdacht erhoben worden sein. Das wäre aber, wie das aufgezeigte Beispiel beweist, eher in der mangelnden kritischen Einstellung der Betroffenen begründet als in einer bewussten und unberechtigten Diffamierung. Von einem Masterplan Glacis sollte man nämlich erwarten dürfen, dass er historische Fakten richtig wiedergibt und jeden Anschein vermeidet, bereits bekannte konkrete Projekte durch unrichtige Darstellungen in ein gutes Licht zu rücken, um sie der UNESCO schmackhaft zu machen
    Man merkt eben die Absicht und darf wohl darob verstimmt sein.

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