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Taktischer Urbanismus

Ein Kommentar

Peter Arlt – Wer heutzutage avancierte Stadtentwicklung betreiben will, umschreibt das eigene Denken und Tun gerne mit dem Begriff der „Urbanen Strategien“. Klar ist dabei nur, dass man einer investorenorientierten, auf einzelne Bauten beschränkten Stadtentwicklung eine Absage erteilt.

Zu hinterfragen sind aber nicht nur die Strategieformen, sondern – viel grundsätzlicher noch – ob man sich gegenüber den heutigen urbanen Situationen überhaupt strategisch – und nicht vielmehr taktisch – verhalten sollte.

Strategie und Taktik

Beide Begriffe sind militärischen Ursprungs. Für Clausewitz ist Taktik „die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht“, während er Strategie als „die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges“1 definiert. Die Strategie könnte man somit als die Kampfplanung bezeichnen, die Taktik als die Umsetzung der Strategie am Kampffeld.

Grundlage jeder Strategie ist der eigene Ort, der sich vom Umfeld abgrenzt und der die Basis für die Organisierung der Beziehungen zur Außenwelt ist. Dieser eigene Ort ist der Ort der eigenen Macht und des eigenen Willens. Hier redet mir niemand drein. Von diesem autonomen Ort kann der Stratege die außerhalb seines Ortes befindlichen „fremden Kräfte in Objekte verwandeln, die man beobachten, vermessen, kontrollieren und somit der eigenen Sichtweise ‚einverleiben‘ kann. […] Es ist die Beherrschung der Orte durch das Sehen. […] Sehen (in die Ferne sehen) bedeutet auch voraussehen, also durch die Lektüre des Raumes der Zeit vorauseilen“2. Der eigene Ort ermöglicht auch „eine Unabhängigkeit gegenüber den wechselnden Umständen […] Das ist eine Beherrschung der Zeit durch die Gründung eines autonomen Ortes.“3

Die Taktik hingegen hat keinen eigenen Ort und somit auch keine Grenze, die das Andere als sichtbare Totalität abtrennen kann. „Die Taktik hat nur den Ort des Anderen.“ 4 Taktik ist durch das Fehlen von Macht bestimmt – sie ist die Kunst der Schwachen. Der Schwache muss unaufhörlich aus Kräften Nutzen ziehen, die ihm fremd sind. Die Taktik muss mit dem fertig werden, was da ist. „Sie ist nicht in der Lage, sich bei sich selbst aufzuhalten, also auf Distanz, in einer Rückzugsposition, wo sie Vorausschau üben und sich sammeln kann.“ 5

Weil die Taktik keinen Ort hat, bleibt sie von der Zeit abhängig. Sie ist andauernd in Bewegung, immer darauf aus, ihren Vorteil im Fluge zu erfassen, günstige Gelegenheiten auszunützen, mit den Ereignissen zu spielen, die Strategien zu manipulieren und umzufunktionieren. “Es ist die Kunst, im Bereich des Anderen Coups zu landen.“ 6

Kurz gesagt: Die Strategie setzt auf die Etablierung eines Ortes und hat ihre Stärke im (Voraus-)Sehen, die Taktik hingegen setzt auf den Gebrauch der Zeit und hat ihre Stärke im gegenwärtigen Handeln: „ohne Gesamtübersicht, blind und scharfsinnig wie im direkten Handgemenge…“ 7 Die Strategie hat schon vorneweg einen Plan, der Ort interessiert nur als tabula rasa, ohne Geschichten und Menschen.

Der Taktiker hingegen entwickelt seinen Plan erst aus und mit den vorgefunden Verhältnissen.

Der Taktiker benötigt für sein Handeln spezifische Grundkenntnisse. Taktisches Vorgehen zeichnet Partisanen wie Guerilleros aus. Nach Che Guevara8 sind vor allem zwei Kenntnisse unabdingbar für eine (erfolgreiche) Guerillatätigkeit:

  1. ausgezeichnete Geländekenntnisse
  2. stets über alle Vorkommnisse in dem betreffenden Gebiet informiert zu sein.9

Mit diesem Grundwissen kann er sich „jeder beliebigen Situation schnell anpassen“, „die Lage ausnutzen, in seine Umgebung hineinwachsen und die ihn umgebenden Verhältnisse zu seinen Verbündeten machen.“10

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Urbane taktische Praxis

Zwei Beispiele aus eigener Praxis11

1. Netzwerk, Linz-Franckviertel

2006

In einem Arbeiterviertel von Linz mit hohem MigrantInnenanteil sollen gemeinwesenorientierte Verbesserungen erfolgen.

2006/2007

Diverse partizipatorische Ansätze führen nicht nur zu punktuellen Verbesserungen, sondern knüpfen auch Verbindungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und lokaler Initiativen. Die Partizipation mißlingt aber insofern, als MigrantInnen daran kaum teilnehmen.

2007

Wir gehen den Gründen nach und entwickeln gemeinsam mit MigrantInnen ein eigenes Projekt. In einem überwiegend von Kosovo-Albanern bewohnten Wohnblock wird die Hofsituation neu gestaltet. Dies betrifft vor allem den völlig überfüllten und viel zu kleinen Kinderspielplatz. In der Volksschule „planen“ die Kinder einen idealen Spielplatz. Gemeinsam mit 34 Vätern wird in Eigenarbeit an 3 Tagen der eine Spielplatz saniert sowie zwei neue angelegt. Grundlage dafür sind die „Kinderplanungen“.

2008/2009

Im Viertel entsteht ein eigenes lokales Fernsehen, das Franckviertel ist Teil der europäischen Kulturhauptstadt Linz 2009, die Zusammenarbeit mit der Schule wird intensiviert.

2010

Ein Workshop mit 35 BewohnerInnen (aus Eltern, Vereinen, Initiativen) denkt über die „Erweiterung“ der Volksschule zu einem interkulturellen Stadtvierteltreff nach.

2011 ff

Event. An-, Umbau der Volksschule und des daran anschließenden Volkshauses (inkl. Stadtteilbibliothek)

Resümee

1. Es gibt und gab nie den großen Plan bzw. ein konkretes Vorhaben, sondern zuallerst das Bemühen die lokale Situation zu verstehen und dauerhafte Beziehungen zu entwickeln.

2. Erst durch kleinere gemeinsame Projekte entstand ein Vertrauen auf dem weiter aufgebaut werden konnte und das es ermöglichte größere und komplexere Themen anzugehen (schrittweises Vorgehen).

3. Jedes Projekt/Produkt ist dazu da, sozialen Raum zu produzieren.

4. Architektur kann (eventuell) Folge dieses gemeinsamen, längerfristigen Prozesses sein.

2. Boxclub, Liverpool

In einem vernachlässigten Stadtteil Liverpools, gekennzeichnet von Abriß, fehlender Infrastruktur, hoher Arbeitslosigkeit soll ich innerhalb eines halben Jahres ein Kunstprojekt realisieren, dass die lokale Community stärkt. Ich spaziere mit einzelnen BewohnerInnen durch ihren Stadtteil. Beinahe alles was Gemeinschaft herstellen könnte – selbst Pubs – ist verschwunden. Ich suche nach verbliebenen Beispielen12 und finde schließlich in einem Container in einem Park einen Boxclub. Die Sanitäreinrichtungen funktionieren nicht mehr, es fehlen aber die Mitteln zur Reperatur. Ich versuche Mitteln aus meinem Kunstbudget dafür zur Verfügung zu stellen. Es mißlingt innerhalb der mir noch verbleibenden Zeit. Wir entwerfen ein Logo für den Boxclub und spenden den BoxerInnen 25 T-Shirts mit aufgenähten Logo.

Resümee

  1. Nicht die eigene Idee wird implementiert in der Hoffnung auf „Auf- und Übernahme“ durch die lokale Bevölkerung, sondern eine bereits bestehende Initiative wird unterstützt.
  2. Unterstützen heißt: Notweniges, Vordringliches organisieren, aber auch eigene Ideen einbringen und diskutieren, modifizieren und gegebenenfalls realisieren.
  3. Kunst ist nicht immer der adäquate Ansatz zur Lösung anstehender Probleme.
  4. Taktiker passen die Form der Situation an und haben Zeit auf den richtigen Moment zu warten.

Urbane Taktik ist die Kunst, Situationen zu beeinflussen

Die Stadt von heute ist mehr denn je ein Dschungel, denn eine rationale Anordnung von Bauten (und Menschen). Mag auch jedes einzelne Haus eine Nummer haben, mag man auch in Mitteleuropa den Anschein erwecken genau zu wissen wieviele Menschen in ihren Städten wohnen, so ist doch das Gewirr, die unzähligen sich überlagernden Praktiken der Stadtnutzer, das stete Kommen und Gehen mehr denn je Kennzeichen der heutigen globalisierten Stadt.

Für ein strategisches Vorgehen braucht man eine gesicherte Basis, verläßliche Prognosen, ein überschaubares Spielfeld mit eindeutig identifizierbaren „Players“.

In Zeiten in denen das politische System mit seinen Parteien mehr und mehr erodiert und an Vertrauen-Respekt und damit an Bedeutung verliert, Weltwirtschaftskrisen und unkontrollierbare Flüchtligsströme an der Tagesordnung stehen ist aber ein taktisches Vorgehen gefordert, das mit dem komplexen, permanent in Veränderung befindlichen Umfeld agiert, sie als Quelle und Potential begreift aus dem Ideen und Projekte gleichsam herausdestilliert werden können.

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Autor:

Peter Arlt
Soziologe, Urbanist vor Ort, Festivalkonzepte, Mag.Dr. soz. oec., derzeit Linz
foto: stadt linz creative commons by nc nd

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1 Carl von Clausewitz: Vom Kriege, S.98.

Auf S. 180 heißt es: „…in der Strategie, wo alles viel langsamer abläuft, ist den eigenen und fremden Bedenklichkeiten, Einwendungen und Vorstellungen … viel mehr Raum gegönnt, da man die Dinge nicht, wie in der Taktik, wenigstens zur Hälfte mit eigenen leiblichen Augen sieht, sondern alles erraten und vermuten muss: so ist auch die Überzeugung weniger kräftig.“

2 Michel de Certeau: Die Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 88

3 ebd.

4 A.a.O., S. 89

5 Ebd. „Strategie ist die Wissenschaft von kriegerischen Bewegungen außerhalb des Sichtbereichs des Gegners; Taktik, innerhalb desselben.“ (Bernhard von Bülow)

6 A.a.O., S. 94

7 A.a.O., S.90

8 Ernesto Che Guevara: Guerilla – Theorie und Methode, Berlin 1968, S. 31, 55

9 Siehe auch Carl Schmitt: Theorie des Partisanen, Berlin 1962, S. 26: Den Partisanen zeichnet „…die Verbindung mit dem Boden, mit der autochthonen Bevölkerung und der geografischen Eigenart des Landes …(= tellurischer Charakter)“ aus.

10 Ernesto Che Guevara: Guerilla – Theorie und Methode, Berlin 1968, S. 36, 56

Ähnlich bei Carl Schmitt, A.a.O, S. 23: „Beweglichkeit, Schnelligkeit und überraschender Wechsel von Angriff und Rückzug, mit einem Wort: gesteigerte Mobilität sind ein Merkmal des Partisanen…“.

11 Ein Beispiel aus fremder Praxis: Der holländische Architekt Frank van Klingeren hatte den Auftrag eine neue Mensa für die Universität Amsterdam zu bauen. Seine Lösung: Die StudentInnen erhalten Essensmarken für die umliegenden Gaststätten.

12 „….

Und Polo: „Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas was sein wird; gibt es eine, so ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, die wir durch unser Zusammenleben bilden. Zwei Arten gibt es, nicht darunter zu leiden. Die eine fällt vielen recht leicht: Die Hölle akzeptieren und so sehr Teil davon zu werden, dass man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und erfordert dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum geben.““

Aus: Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte, München 1985, S. 192

Ein Kommentar zu “Taktischer Urbanismus

  1. Sehr lesenswert. Danke für den Input.

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