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Die neue Beletage!

6 Kommentare

Jakob Dunkl – Entwickeln wir eine andere Mobilität und wir werden lebendige Erdgeschosszonen erhalten!

Versetzen wir uns ins Jahr 2030. „Benutzen statt Besitzen“ lautet jene Zauberformel, welche plötzlich tiefgreifende Veränderungen möglich machte. Ausgelöst durch Weltwirtschaftskrisen und der damit zusammenhängenden Skepsis gegenüber jeder Art von langfristigen Finanzierungen begann der Trend zunächst beim Wohnraum: das starke Begehren nach Unabhängigkeit und finanzieller Handlungsfreiheit löste das Streben nach persönlichem Besitz in Form von Eigenheim oder Eigentumswohnung ab. Miete als anzustrebender Wohntraum wurde relativ unerwartet „total cool“. Ob Wohnung oder Smartphone – persönliches Eigentum war plötzlich mehr so eine altmodische Sache der Nachkriegsgeneration…

Tja – und endlich war es dann auch beim Auto so weit! Die Jungen leiteten den Trend ein, dem sich die Junggebliebenen nicht entziehen konnten: das Privatauto war endlich und entgültig out. Wozu noch der Stress mit dem eigenen PKW, dessen Besitz laufend aufwändiger wurde, dessen Unterbringung sich ständig verteuerte? Wer sich fortbewegen will vertraut heute dem bestens eingespielten Netzwerk aus U-Bahnen, E-Bussen sowie den hochmodernen ultra-ULFs, einstmals Strassenbahnen genannt. Fahrräder und E-Bikes erleben einen nie dagewesenen Boom. Für Sonderbedarf ergänzen Elektrische Carsharing-Fahrzeuge das urbane Mobilitätskonzept – sie werden kurzfristig bei Bedarf benutzt, wozu sollte man sie besitzen wollen? Vorbestellen ist nicht nötig, das Smartphone zeigt freie Fahrzeuge in der Umgebung an. Weil sie im Gegensatz zum Nulltarif auf Öffis jedoch zu bezahlen sind und infolge der konsequenten Bevorrangung des öffentlichen Verkehrs grundsätzlich langsamer vorwärts kommen, werden die Nutzer der individuellen Fahrzeuge milde belächelt und bleiben eine eher kleine Randerscheinung. „Langsam und einsam“ reimen die Kids am Strassenrand.

An dieser Stelle sei vermerkt, dass der Individualverkehr rund um 2011 nicht nur eine ungeheure Belastung durch die bewegten Fahrzeuge darstellte – grossen Anteil an der Problematik der unattraktiven Erdgeschosszonen trug ja der ruhende Verkehr. Völlig unterschätzt war damals die ungeheure Verschwendung öffentlichen Raumes durch sinnlos herumstehendes Blech. Wer könnte es aus heutiger Sicht als effizient betrachten, Gegenstände anzuschaffen, die den weitaus grössten Teil ihrer Zeit ungenutzt herumstehen? Damals war es noch normal, eine sinnvolle Nutzung des Strassenraumes war allerdings nicht denkbar.

Als zahllos herumfahrende und im öffentlichen Raum parkende Individualfahrzeuge also endlich Vergangenheit sind, nun im Jahre 2030 haben wir ein neues, aber vergleichsweise schönes Problem mit unseren Erdgeschosszonen: Es gibt viel zu wenig freie Flächen! Wie schaut es denn überhaupt aus, das wiederbelebte „EG 2.0“? Seit die Stadt Wien die Indoorspielflächen im EG im engen Netz über die Stadt gesetzlich fixiert hat (ähnlich der Verteilung von Kinderspielplätzen) ist die dichte Stadt besonders für junge Familien wieder interessant geworden. Dachterrassenwohnung oder Erdgeschoss lautet nun die Devise. Dazwischen ist es eigentlich langweilig. Der lebendige Strassenraum mit schattenspendenden Bäumen, Spielgeräten, Seniorentreffs, Bocciabahnen, Sitzbänken und sonstigen Freiluftangeboten vor der Haustüre zieht die Menschen magnetisch an. Pendler, die weit hinaus aufs fade Land fahren müssen, werden bedauert. Wozu auch noch – wenn Urbanität und Erholung so eng miteinander verknüpft sind? Büros, Wohnungen, Ateliers, Nahversorger bieten dem Flanierenden wieder ein lebendiges Bild auf Augenhöhe. Besonders hipp ist nun der ehemals laute, stinkende Gürtel: Leben am „Grüngürtel“ wie er nun nicht ohne Ironie heisst.

Ach ja – die unterirdischen PKW-Stellplätze. Gar nicht so schlecht, dass es diese Kubaturen noch gibt. Die Keller waren ohnehin immer zu klein. Und wir finden dort einen letzten Überlebenden des „Benutzen statt Besitzen“ Trends, der sich entgegen aller Prognosen bis ins Jahr 2030 gehalten hat: das Rad – völlig anachronistisch überwiegend im Privateigentum, welches nun in aufgemotzten, ehemaligen Tiefgaragen gehegt, gepflegt und elektrisch aufgeladen wird!

Ich werde meine Frau überreden, eine dieser grauenhaften Garagen in der Erdgeschosszone zu kaufen – pardon zu mieten, bevor es im EG so richtig teuer wird, also bevor die neue BELETAGE entdeckt wird. Und 2030 bauen wir uns dort eine spannende Seniorenwohnung ein. Mit offener Küche gleich hinter der grosszügigen Verglasung, die wir statt des tristen Garagentors eingesetzt haben. So sparen wir uns den Fernseher oder wie das Ding dann heisst. Oder wir setzen uns gleich raus in den neuen öffentlichen Raum. Die Winter sind ja ohnehin recht kurz mittlerweile…Und den Kids, die bei uns vorbeischauen erzählen wir von Wien im Jahr 2011. Sie werden´s uns nicht glauben!

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foto: jakok dunkl by hertha hurnausAutor:
Jakob Dunkl, querkraft.at

6 Kommentare zu “Die neue Beletage!

  1. Es stimmt. Heutzutage ist das Wohnen im Erdgeschoss zwar angenehm, wenn man das Treppensteigen vermeiden möchte, schön ist das in der Stadt aber selten. Entweder fahren vor der Haustür die Autokolonnen ihre Bahnen oder der Ausblick auf vorbeigehende Fußgänger erfreut das sich nach Privatsphäre sehnende Mieterauge. Bei uns sind die Öffis leider auch noch nicht zum Nulltarif zu benutzen, wodurch entweder auf das Fahrrad umgestiegen wird oder auf die oben erwähnte Blechkarosse.

  2. Cool fände ich: Städte, die aber einer bestimmten Grösse X und Dichte Y grundsätzlich alle Öffis gratis UND qualitativ hochwertig anbieten müssen! Dass unsere Abwässer vom Gemeinwesen transportiert werden, und nicht pro Spülung ein Ticket notwenig wird, scheint klar. Für den ganzen Menschen aber?

  3. Und natürlich funktioniert dieses Modell 2030 nicht nur national, sondern auf der ganzen Welt. Die Finanzlage ist bis dahin stabilisiert, niemand muß sich mehr Immobilien kaufen um sein Geld sicher anzulegen, das Sozialystem funktioniert so perfekt, daß sich der Sparstrumpf erübrigt hat. Durch die vielen Möglichkeiten der gemeinsamen Nutzung von Gebrauchsgegenständen und Räumen haben wir wieder einen respektvollen Umgang mit Allgemeingut erlernt, statt Vandalismus und Zerstörung gibt es gemeinsames Garteln und Pflegen der öffentlichen Grünräume. Statt forciertem Individualismus haben wir wieder Interesse am Zusammentreffen mit Anderen im öffentlichen Raum entwickelt, wir brauchen keine Internet-Partnerschaftsvermittlungen mehr, sondern lernen unterwegs ständig neue Menschen kennen. Statt ins Flugzeug zu steigen und die Umwelt zu verpesten genieße ich die Fahrt mit Hochgeschwindigkeitszügen zu Bagatellepreisen …
    Herrlich! Danke für deine erfrischende Utopie, wie schön, an an diesem Montagvormittag ein bißchen träumen zu dürfen!

  4. Ich glaube, dass es in der Natur des Menschen liegt Sachen zu besitzen- Dazu zählt ins besonders das Eigenheim. Wohnt man nur zur Miete, kann der Vermieter bestimmen wo es lang geht und das möchte niemand, da er Fremdgesteurt bei seinen nicht eigenen vier Wänden wird. Da das täglich Leben schon überwiegend Fremdgesteuert wird, will man dies auch nicht noch zuhause erleben.

  5. 2030. Eine wundervolle Vision. Ich schließe mich an. Sehe die lautlosen Einschienenbahnen auf Supraleitfähigkeitstechnologiebasis über filigrane Stützkonstruktionen weit mehr Menschen, bequemer, billiger, umweltschonender durch die gesamte Stadt transportieren. Billige, kompakte Elektrofahrzeuge, welche in der Innenstadt weder die Nase noch das Ohr beleidigen und nach benutzung am nächsten Leihterminal abgestellt werden können.
    Der erste Schritt dahin ist die Technologie, der nächste das Bewusstsein der Menschen, dass Besitz nicht in allen Fällen die beste, günstigste Variante ist. 2030? Wohl eher noch nicht, nicht ohne massive Krise, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

  6. Mobilität genießen ohne die Umwelt zu belasten, schadstofffrei, flexibel und ohne Bindung, kurzum Car-Sharing? In München scheint die Utopie in der Realität angekommen zu sein. Der hart umkämpfte Car-Sharing-Markt boomt in der Landeshauptstadt Bayerns und immer neue Unternehmen drängen auf den Markt.
    Belächelte man einst die etwas klobig daherkommenden und vereinsamt abgestellten Leihdrahtesel, ortet und bucht man heute benutzerfreundlich mit wenigen Klicks zu jeder Tages- und Nachtzeit lässig per Smartphone meist im Umkreis von wenigen Gehminuten entfernt, seinen persönlichen, komfortablen Car-Sharing-Mittelklassewagen auf Zeit – hipp, zeitgemäß, umwelt- und raumschonend.

    Es ist nur eine Frage der Zeit bis weitere, dem Raum zuträgliche Utopien Gestalt annehmen.

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