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Stadtplanung – Zwischen Marginalisierung und Selbstaufgabe

Ein Kommentar

Reinhard Seiß – Kein Sportler, der nicht an seine Stärken und seinen Erfolg glaubt, hat je etwas gewonnen. Insofern scheint die Stadtplanung hierzulande – Ausnahmen bestätigen die Regel – seit Jahren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn, um bei dieser Metapher zu bleiben, unseren Sportlern wird nicht nur von ihren Gegnern (Grundeigentümer, Bauträger, Immobilienwirtschaft, …), sondern auch von ihren Trainern (Politik, Wissenschaft), den Medien und dem eigenen Publikum (der Gesellschaft) jedwede Durchsetzungskraft abgesprochen, sodass sie selbst längst davon überzeugt sind, im besten Falle Sparringpartner für die zahlreichen Favoriten (die verschiedensten Interessen in der Stadt) zu sein – ja es geradezu vermessen wäre, mit ihnen in einen Wettbewerb zu treten.

So kommen aus den Planungsämtern selbst regelmäßig Argumente, dass Planung im Sinne einer zumindest mittelfristigen Festlegung von Strukturen, Funktionen und Kubaturen in Zeiten wie diesen nicht mehr möglich, vielmehr Flexibilität und „das Verhandeln in Prozessen“ gefragt sei. Und dass der Bevölkerung nicht „vorzuschreiben“ wäre, was sie zu tun (Stichworte: Automobilität, Einkaufszentren am Stadtrand, Einfamilienhäuser im Grünen) oder zu lassen habe. Uns allen ist klar: Die Zeiten Otto Wagners oder Le Corbusiers sind vorbei, weshalb es müßig ist, den totalen Gestaltungsanspruch jener Epochen immer wieder als Schreckensbild einer starren und undemokratischen Stadtentwicklung in die heutige Planungsdebatte hineinzuwerfen.

Seit Anfang an ist die Stadt das Produkt von Planung – nicht im Sinne von idealisierten Grundrissen und gebauten Veduten, sondern im Sinne eines effizienten und dauerhaft funktionsfähigen Siedlungsgebildes. Wer, wenn nicht die Planer, soll den Akteuren der Stadtentwicklung jenen möglichst klaren Rahmen vorgeben, um ihre individuellen Interessen aufeinander abzustimmen, um Konflikte zu minimieren und aus der Summe der einzelnen Nutzungsansprüche ein für die Allgemeinheit auch längerfristig dienliches Ganzes zu formen? Wie Städte ohne Planung aussehen, können wir insbesondere in den Randzonen unserer Ballungsräume beobachten. Die Idee von der Stadt als „sich selbstorganisierender und wuchernder Organismus“ ist in unseren Breiten, in unserer Zeit, angesichts unserer Möglichkeiten zur massenhaften Realisierung maximaler individueller Begehrlichkeiten bestenfalls eine romantische Illusion. Und die Haltung, Planung stehe zwangsläufig im Widerspruch zur Kreativität und Entfaltung der Bürger, ist ein Missverständnis der heute möglicher (und in anderen Ländern praktizierter!) Stadtentwicklung – oder eine fadenscheinige Ausrede jener, die sich und ihre Interessen durch Planung eingeschränkt fühlen.

Die gegenwärtige Ablehnung von Ganzheitlichkeit, Langfristigkeit und Verbindlichkeit in der Stadtplanung – in einer zeitgemäßen Stadtplanung – durch maßgebliche Architekten und Urbanisten ist geradezu ein Paradoxon. Sie stellen dadurch ihren eigenen Beruf in Abrede. Und auf politischer Ebene ist das oft hohle Gerede von nötigen Spielräumen in der Stadtentwicklung ein Indiz für die weit fortgeschrittene Verantwortungslosigkeit unserer Entscheidungsträger. Nutznießer dieses Vakuums sind jene, die es vermögen, ihre Interessen in der Stadt durchzusetzen: einflussreiche Liegenschaftseigentümer, die Banken und Versicherungen mit ihren auf Immobilien fokussierten Fonds, Projektentwickler mit guten politischen Kontakten, die Bauwirtschaft mit ihrem Totschlagargument der Arbeitsplatzsicherung. Verlierer sind dagegen unsere Städte mit ihrer teils noch erhaltenen urbanen Kultur, die Landschaft um sie herum und allem voran die uns nachfolgenden Generationen.

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Autor
Dr. Reinhard Seiß ist Stadtplaner
Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.

Ein Kommentar zu “Stadtplanung – Zwischen Marginalisierung und Selbstaufgabe

  1. Genau, und:

    Stadt der Vielfalt: Eine entschiedene Stadtplanung, die auch eine eindeutige wieder erkennbare Atmosphäre zur Folge hat, ist noch aus einem weiteren Grund entscheidend: Die wuchernde, ungeplante, sich selbst organisierende Stadt schaut bekanntlich immer gleich (beliebig) aus. Wenn wir also unterschiedliche Angebote bieten wollen – und Wahlfreiheit ist eine der Grundlage unserer westlichen Gesellschaft – müssen wir Städte und Stadtteile mit Charakter planen und realisieren. Ganz bewusst mit stark unterschiedlichen Qualitäten und Prinzipien, Atmosphären und Angeboten, formalen Ausprägungen und Ansprüchen.

    Durch diese Eindeutigkeit werden Plätze ausgezeichnet und umfassend wertvoll gemacht. Nur so entstehen Städte und Stadtteile mit Charakter, mit Adressen. Und erst eine wirkliche Auswahl an unterschiedlich attraktiven Lebensräumen gibt den Bürgern eine echte Wahlmöglichkeit.

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