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Foto: Thomas Stampfl, L&R Sozialforschung; Abdruck honorarfrei Im Bild: Arch. Mag. Prof. Georg Johann Gsteu

Rede für Architekt Mag. arch. Prof. Johann Georg Gsteu

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Otto Kapfinger – Wir verabschieden uns von Architekt Professor Johann Georg Gsteu,
wir verabschieden uns von seiner leiblichen Präsenz.
Wir lassen bei diesem Anlass sein Leben, seine Leistungen Revue passieren. Das Ritual gibt dafür Zeit und Raum.
Bei Prof. Gsteu ist es – denke ich – nicht so wie bei manch anderen, außergewöhnlich Begabten, dass er zu Lebzeiten die adäquate Würdigung nicht erfahren hätte.
Er hat relativ wenig gebaut, – ja! Doch sein quantitativ schmales Oeuvre ist dafür qualitativ durchwegs erstrangig.
Und das hat nicht nur er gewusst, das wurde ihm mehrfach von kompetenten Foren und bei schönen, festlichen Anlässen öffentlich bekräftigt, bestätigt.

Gsteu wusste sich als Baukünstler nicht unbedingt von breiten Auftraggeberschichten gewollt. Er war kein streichelweich eloquent verbindlicher Partner. Er war vielmehr ein mitunter fast beängstigend umständlicher, unkonventioneller Nach-Denker, der Zeit und Raum einforderte, beanspruchte, um ein Stück Weges mit ihm zu gehen, – ohne die üblichen Gewissheiten, ohne die Sicherheiten der Routine, – in einer stets zum Wurzelgrund der anstehenden Sache und darüber hinaus sich vorantastenden, den Funken wirklicher Kreativität suchenden Um-Ständlichkeit.
Aber in dieser Haltung und Eigentümlichkeit wusste Hannes Gsteu sich von entscheidenden Instanzen verstanden und hoch, sehr hoch geschätzt.

Eine Rede am Grab muss also nicht Versäumtes nachholen, nicht einmal im klassischen Sinn des Mottos: de mortuis nil nisi bene!

Wir können die Elegie des leiblichen Abschieds nutzen, um uns das geistige Vermächtnis von Hannes Gsteu zu vergegenwärtigen – die human-kreative Besonderheit dieses Menschen: als Ehemann, als Bruder, Vater, Großvater, Urgroßvater, als Lehrer, als Freund, Fachkollege, als Mitstreiter, Künstler unter seinesgleichen…

Was war und ist seine Qualität, sein Eros als „homo faber“? Was ist sein Beispiel, das uns über die leibliche Präsenz hinaus präsent sein wird:
als Richtschnur, als fortwirkender Impuls, als ein Signum von Selbst-Verwirklichung, das allen, die ihm persönlich begegneten, zum Bestand des eigenen Eros zugewachsen ist und weiter aktiv sein wird!

So möchte ich für Sie und für alle, die es angeht und die es hören möchten, jetzt einen Toast aussprechen, ein mehrfaches Vivat für Hannes Gsteu:

Es lebe hoch die kindlich offene Neugierde, die erfinderische, sozusagen Einsteinsche Neugierde, – das immerwährende und vorurteilsfreie Interesse an all den Erkenntnissen und Erfahrungen, welche die anderen, die viel beweglicheren Künste der Baukunst geben können – Malerei, Skulptur, Musik, Film, Dichtung……

Bei Hannes Gsteu entstand Raum immer aus der Struktur – und diese aus der Struktiv-Werdung von Konstruktion und Material. Seine Kontakte mit der Kunstszene – ob bei den Bildhauern in Margarethen, bei den Malern in der Secession, bei den Musikern der Reihe oder den Dichter der Wiener Gruppe – dienten nicht zuletzt der leidenschaftlichen Beobachtung, wie und warum aus bloßem Stein und Metall, aus ein paar Farben und Leinwand, aus vibrierender Luft, oder mit dem gebündelten Lichtfluss durch winzige, laufende Einzelbilder aus Zelluloid eine geistige Manifestation wird.
In seinen Bauten sind vergleichbare Transformationen spürbar.

Es lebe hoch, es lebe lang jene Haltung, eine jede Planung mit dem Studium der verfügbaren Werkzeuge, Materialien und Techniken zu beginnen. Es lebe hoch der Glaube daran, dass auch mit den neuen Mitteln des industriellen Bauens eine Architektur entstehen kann, die das schier Technische zur Sinnhaftigkeit führen kann und steigern kann….

Aus zunächst „sprachloser“ Technologie schuf Gsteu bildkräftige, auf neue Weise „sprechende“ Baukunst. Die Palette reicht von der Beton-Technik der mit einem Lichtkreuz verknüpften Raumschalen beim Seelsorgezentrum Oberbaumgarten über die raumbildenden Decken-Fertigelemente der Bildhauerunterkunft St. Margarethen – bis zur „Veredelung“ simpler Betonrohre als Sitzerker in Wohnbauprojekten – und bis zu den in barocken Überschwang getriebenen Trapezblechen der U-6 Stationen…

Es lebe hoch das Vertrauen, dass auch in scheinbar unattraktiven, scheinbar banalen, alltäglichen Aufgaben die Möglichkeit, der Drang zum Poetischen schlummert. Ob das die Gestaltung einer großen Müllanlage ist, ob es ein Fahrradweg mit Stegen und Brücken entlang eines Flusskais ist, ob es die Dachhaut für Bahnstationen am sogenannten „gesichtslosen“ Stadtrand ist, ob es die Entwicklung für Kücheneinheiten und Erschließungsflächen mit Aufenthaltsqualität im Sozialen Wohnbau ist…

Es lebe hoch die seltene Einstellung, in der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen jedes Gegenüber ernst zu nehmen und nicht aus der Position des Besserwissers, vom Podest des Urteilens aus zu agieren, – sondern die Kommunikation vom Fundament des offenen Interesses aus zu führen, in der Haltung des insistiernden sokratischen Fragens, mit dem lauteren Drang, gemeinsam auf den fruchtbaren Kern der Sache zu kommen….

Ob als langjähriges Vorstandsmitglied und Vorsitzender der ÖGfA, wo ich ihn direkt erleben durfte, ob als langjähriges Vorstandsmitglied der Wiener Secession, wo ich ihn ebenfalls von den späten 70er Jahren an kennenlernen konnte, ob als Vorsitzender von Gestaltungsbeiräten, von vielen Jurien – und bei vielen einschlägigen Gremien und Verhandlungen – stets hat die im Ton konziliante, weitschweifige und geduldige, im Inhaltlichen so präzise und konstruktive Gesprächsführung von Hannes Gsteu seine Gegenüber erstaunt, überrascht, inspiriert und berührt…

Es lebe hoch jene unbeirrbare, kostbar naive Lauterkeit – die von vorneherein jeden Anflug von Korrumpierbarkeit ausschließt, die auch dem leisesten Gedanken fern ist, hier würde ein Auftrag rein aus kommerziellen Absichten erstrebt oder verfolgt, hier würde es um persönliche Interessen oder Benefits gehen – und nicht um das Prinzip, nicht um das Wesentliche aller anstehenden Sachen…
Und was war und was ist wohl Gsteus innerstes Prinzip? Ich versuche ein paar mehr ungelenke Worte: Es war der Eros, das Begehren des kreativ Ekstatischen – mit den Mitteln, mit dem Ethos des Franziskanischen…
Die streng ökonomische Richtschnur seiner Kreativität spiegelte seine primär soziale Haltung: die best- und größtmögliche vorwärtsgerichte Gedankenleistung einzusetzen für deren ökonomischeste Formwerdung…

Gsteus ureigenste Themen, etwa die Befassung mit den seriellen Möglichkeiten einfacher Teile – mit dem Flächenschluss im System „Einander“(!) – kam aus der Forschung nach abfallfreier, nach vollständiger Nutzung gegebener Werk-Stoff-Flächen durch Teilung in solche Elemente, die eben möglichst polyvalent neue Flächen und ganz neue Räume schaffen konnten…
Ich beschließe das Vivat mit drei Zitaten, mit drei Aphorismen
von J.G. Gsteu selbst:

Bis an die Grenze der Existenzbedrohung gehen!
Selbst kleine Schritte erfordern dies bereits…

Architektur heißt: über den Alltag hinausgreifen,
ein Dach ist mehr als ein Witterungsschutz….

Denken kommt billiger als Handeln!

Rede vom Otto Kapfinger, Wien, Hernalser Friedhof, am 12.September 2013
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Foto: Thomas Stampfl, L&R Sozialforschung; Abdruck honorarfrei / via flickr
Im Bild: Arch. Mag. Prof. Georg Johann Gsteu

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