KooperativerRaum.at

Architektur Stadt Land Gesellschaft

illustration aus dem hochhauskonzept wien, seite 54

HOCHHAUSKONZEPT WIEN

5 Kommentare

STRATEGIEN ZUR PLANUNG UND
BEURTEILUNG VON HOCHHAUSPROJEKTEN
NOVEMBER 2014

KooperativerRaum.at präsentiert mit freundlicher Genehmigung des Magistrats Wien das aktuelle Hochhauskonzept Wien.
(Gesamtes Konzept als Download am Ende des Artikels)

PRÄAMBEL

Wien als exemplarische mitteleuropäische Stadt hat sämtliche Vorteile einer geographisch, topographisch-landschaftlich, räumlich, typologisch und atmosphärisch hochwertigen, sehr klar strukturierten, eindeutig lesbaren und hervorragend lebbaren Stadt. Wien hat nicht zuletzt wegen einer solch reichhaltigen Urbanität und städtebaulichen Stimmigkeit schon immer eine vorsichtige Haltung gegenüber Hochhausentwicklungen eingenommen, nicht einfach nur, weil Hochhäuser im modernen Sinn etwas Neues und damit Verdächtiges darstellen würden, sondern vielmehr, weil Hochhäuser mit ihrer herausragenden physischen Präsenz im Stadtbild nicht einzelnen, sondern möglichst allen Stadtbürgerinnen und -bürgern dienen sollen.
Hochhäuser sind Leittypen des modernen Städtebaus und bilden einen klaren Kontrast zur herkömmlichen Stadt, in der Hochpunkte gleichbedeutend waren mit außerordentlichen Funktionen und Bedeutungen. Als Prototypen von ökonomisch aufgeladenen, manchmal verdichteten, manchmal individuellen, vereinzelten Bauweisen sind Hochhäuser heute oft Projektionsflächen für großstädtische, an internationalen Vergleichsbeispielen orientierten Entwicklungs- und Modernisierungsszenarien. Die Hochhausfrage in dieser einfachen Weise zu interpretieren oder zu instrumentieren, läuft einem verantwortungsbewussten planerischen Umgang mit den über Jahrhunderte angereicherten städtebaulichen Qualitäten Wiens zuwider. Umgekehrt soll sich Wien zukünftigen Transformationen, auch unter Einsatz von Hochhäusern, nicht verschließen, sondern sich diese im Gegenteil mittels strategisch überlegten Konzepten aneignen. Grundlegende Voraussetzungen dafür sind der Allgemeinheit dienliche Mehrwerte und ein mehrheitsfähiger stadtbürgerlicher Konsens.

Vor dem geschilderten Hintergrund richtet das vorliegende Hochhauskonzept für Wien sein Augenmerk zunächst auf die Frage angemessener Verhaltensweisen von Hochhausentwicklungen und beschreibt diese bezugnehmend auf eine großmaßstäbliche Einschätzung der städtebaulichen Signifikanz der Wiener Stadtbereiche und auf die Charakterisierung von situativen Mehrwerten, ohne die eine oder andere Kategorie normativ festzulegen. Im Gegenteil wird verlangt, dass jedes einzelne Hochhausprojekt einer Rechtfertigung hinsichtlich seiner quantitativen und qualitativen Disposition, basierend auf den im Hochhauskonzept formulierten Rahmenbedingungen, bedarf. Mehrwerte werden in diesem Konzept jedenfalls verstanden als Anreicherung gleichermaßen örtlicher, stadtteilbezogener und in Betrachtung der gesamten Stadt relevanter Notwendigkeiten und Qualitäten.

In Folge bedeutet dieses Planungspostulat, dass in einem verbindlichen Prozessdesign die wichtigsten Schritte der planerischen Annäherung an gangbare Lösungen skizziert und abgehandelt werden. Dazu gehört ganz wesentlich die Einbindung aller Interessenvertretungen, insbesondere der Öffentlichkeit auf allen Stufen des Planungsprozesses, um Stadtentwicklungsvorhaben mit Hochhäusern breitmöglichst zu optimieren und letztlich zu verankern. Die rechtliche Sicherstellung solcher Optimierungen könnte zum Beispiel auf der Basis von städtebaulichen Verträgen erfolgen und mittelfristig über Widmungen auf Zeit sichergestellt werden. Unbesehen von solchen neuartigen Vertragsinstrumenten ist es zweifellos nach wie vor und zukünftig vielleicht noch viel wichtiger, auf der Basis gemeinsamer Perspektiven, von Kooperation und Konsens, Projektentwicklungen voranzubringen. Kooperative Planungs- und Partizipationsverfahren haben katalysatorische Wirkung für eine Umweltgestaltung im Sinne von smart city, was insbesondere auch für Hochhausentwicklungen gilt.

Neben städtebaulichen Verhaltensweisen, Mehrwerten und Prozessdesign rückt unter dem Eindruck der sehr schnell wachsenden Stadt Wien das Thema Wohnen im Hochhaus zusätzlich in den Fokus. Der soziale Wohnbau in Wien hatte immer schon eine besondere Stellung im Wiener Städtebau, die sich auch immer wieder durch mustergültige Lösungsansätze – mitunter auch in Form von Hochhäusern über 35 Metern – manifestierte. Die Rahmenbedingungen für den geförderten Wohnbau haben sich naturgemäß immer wieder verändert und neue Herausforderungen, wie beispielsweise energetische und ökologische Zielsetzungen, neue Wohnansprüche und Formen des Zusammenlebens, Sicherstellung der sozialen Nachhaltigkeit und der Leistbarkeit unter schwierigeren ökonomischen Rahmenbedingungen sind dazugekommen und wurden auch in Angriff genommen. Um leistbares Wohnen im Hochhaus zu ermöglichen, braucht es jedoch neuartige Ansätze kooperativer Projektentwicklungs- und Finanzierungsmodelle; das vorliegende Hochhauskonzept kann lediglich zentrale Anforderungen an heutige und zukünftige Wohnhochhausprojekte formulieren. Dazu gehören ganz wesentlich die Forderungen nach Nutzungsmischung und -flexibilität, nach sozialräumlichen Mehrwerten und der Sicherstellung adäquater und sorgfältig konzipierter Freiräume – und selbstverständlich hochwertiger architektonischer Ausarbeitung in allen Maßstäben.

Das Hochhauskonzept setzt darauf, städtebauliche und prozessuale Zusammenhänge verständlich zu machen und vertraut auf einen dazu passenden planungskulturellen Umgang mit diesen komplexen Themen und Abläufen. Eine auf verfahrensbasierte Problemlösung fußende und den kooperativen Gemeinsinn adressierende Vorgehensweise stellt einen großen Anspruch an alle in der Enstehung einer Hochhausentwicklung in Wien Beteiligten. Gerade diese Herausforderung jedoch macht den Kern des Hochhauskonzepts Wien aus und soll durchaus so verstanden werden, dass im Rahmen dieses Konzepts Experimente zukünftiger Stadtentwicklung Ort und Einbettung finden werden.

Im Zuge der Erarbeitung des Hochhauskonzepts haben sich planungstechnische und -praktische Wünsche ergeben, die an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben mögen:
Die Stadt Wien verfügt mit ihrem Datenbestand über ein weltweit wohl einmalig vollständiges und darstellbares Wissen, Datentransparenz und Datenzugänglichkeit werden zukünftig in eine neue Planungsmentalität überführt, was sehr zu begrüßen ist, um zum Beispiel auch Hochhausvorhaben in all ihren Bedeutungen und Konsequenzen abbilden zu können. Datentransparenz sollte jedoch über den Anlassfall hinaus die Möglichkeit unterstützen, sich ein Bild der Entwicklung der Stadtgestalt Wiens zu machen, wofür laufend aktualisierte 3D-Modelle und vor allem ein physisches Modell hervorragende Dienste leisten. Mithilfe dieser beiden Darstellungen Wiens bildeten sich nicht nur künftige Hochhausentwicklungen, sondern alle grössermaßstäblichen Planungen Wiens ab und liessen sich umfassend diskutieren und entscheiden.

Das vorliegende Hochhauskonzept baut auf den Werten der städtebaulichen Leitlinien für Hochhäuser aus dem Jahr 2002 auf, verlagert aber absichtlich die Aufmerksamkeit auf gesamtstädtische Betrachtungen und flexible, strukturierte Entscheidungsprozesse unter Einbezug aller Beteiligten im Interesse höchstmöglicher Qualitätssicherung. Einbezug heisst ebenso Verantwortung, weshalb das Hochhauskonzept rechtliche Sicherstellungen als Grundprinzip für alle Beteiligten vorsieht.

Das vorliegende Hochhauskonzept ist keine gesetzliche Festlegung, sondern ein Leitbild und Leitfaden. Es verlagert städtebauliche Einschätzungen und Prämissen des bisherigen Hochhausleitbilds behutsam in Richtung einer weniger normativen, dafür vermehrt prozessorientierten, stadtanalytischen, gesamtheitlichen Betrachtungsweise.
Hochhäuser in Wien sind immer Anlass zu Diskussionen aller möglicher Interessen und Ideologien. Diese Diskussionen sind wichtig und müssen laufend weiter geführt werden. Das Hochhauskonzept versteht sich diesbezüglich als eine Zusammenfassung von begrifflich fassbarer Entscheidungshilfen, welches es zukünftig anzupassen und zu präzisieren gilt.

_________

Das vorliegende Konzept wurde von Christoph Luchsinger, TU Wien / Bosshard & Luchsinger Architekten AG Luzern, André Krammer, Frank Schwenk und Barbara Maschat im Auftrag und in Kooperation mit der MA 21 unter Federführung von Hans Peter Graner ausgearbeitet und versteht sich als Überarbeitung und Vertiefung von “Hochhäuser in Wien – städtebauliche Richtlinien” aus dem Jahre 2002, welches diesem Dokument als Grundlage dient.

Das Konzept wurde in enger Zusammenarbeit mit externen Fachleuten und allen themenrelevanten Planungsdienststellen erstellt. Diese waren in drei Referenzgruppen, Steuerungs-, Kern- und Echogruppe, organisiert. Beteiligt waren:

Steuerungs- und Kerngruppe:
Bernhard Steger, Büro der Geschäftsgruppe Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz, Energieplanung und BürgerInnenbeteiligung; Planungsdirektor Thomas Madreiter und Rudolf Zunke, beide Magistratsdirektion der Stadt Wien, Geschäftsbereich Bauten und Technik, Stadtbaudirektion, Gruppe Planung; Andreas Trisko, Abteilungsleiter MA 18 – Stadtentwicklung und Stadtplanung sowie Kurt Mittringer, MA 18; Franz Kobermaier, Abteilungsleiter MA 19 – Architektur und Stadtgestaltung sowie Andrea Kreppenhofer und Erich Streichsbier, beide MA 19; Bernd Vogl, Abteilungsleiter MA 20 – Energieplanung sowie Thomas Kreitmayer, MA 20; Walter Krauss, Abteilungsleiter MA 21 – Stadtteilplanung und Flächennutzung sowie Gregor Puscher, Ingrid Nausch, Wolfgang Sengelin, Volkmar Pamer, Leopold Graf und Rudolf Polan, alle MA 21; Christian Härtel, MA 22 – Umweltschutz; Gerhard Cech, Abteilungsleiter MA 37 – Baupolizei sowie Irmgard Eder, MA 37; Peter Belada, Abteilungsleiter MA 41 – Stadtvermessung sowie Lionel Dorffner und Andreas Zöchling, beide MA 41.

Echogruppe:
Bernd Vlay, Christoph Lammerhuber, Marta Schreieck, Max Rieder, Silja Tillner, Erich Raith.

Weiters wurden ausführliche direkte ExpertInnengespräche geführt, um zusätzliche inhaltliche Inputs einzusammeln. Am 12. September 2014 wurde eine Rohfassung des Konzeptes öffentlich in der TU Wien präsentiert, diskutiert und weiterentwickelt.

Parallel fanden mehrere Abstimmungsgespräche mit den Projektteams des Masterplans Glacis wie auch dem Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung statt.
Das Projektteam dankt allen am Prozess Beteiligten.

___________

HOCHHAUSKONZEPT WIEN DOWNLOAD PDF 5,6 MB

5 Kommentare zu “HOCHHAUSKONZEPT WIEN

  1. Pingback: Versuch einer Stellungnahme zur „Frage der Legitimität von Hochhäusern in Wien“ (nach maxRieder) | KooperativerRaum.at

  2. Pingback: Auch Blinde sollten vom Hochhauskonzept erzählen können… | KooperativerRaum.at

  3. Liebe Redaktion, richtiger Weise muss es heißen:

    Das vorliegende Konzept wurde unter Federführung von Christoph Luchsinger, TU Wien / Bosshard & Luchsinger Architekten AG Luzern, […] im Auftrag und in Kooperation mit der MA 21 ausgearbeitet und versteht sich als […].

  4. Das Hochhaus als HOCHhaus/hohes HAUS
     
    Einerseits wird “das Hochhaus” in dieser Debatte aufgrund seiner Form, also vor allem seiner Höhe wegen definiert.
    Auf der anderen Seite steht der hier oft genannte Mehrwert: Das Hochhaus soll “möglichst allen Stadtbürgerinnen und -bürgern dienen (…).” 
    Ich finde, diese beiden Aspekte verlangen nach getrennten Debatten – in beiden Fällen geht es um Integration, allerdings auf verschiedenen Ebenen – die ganz unterschiedliche Fragenkomplexe beinhalten. Einmal geht es um die Betrachtung der Stadt als Ganze, das andere mal um die (un-)mittelbare Umgebung des hohen Hauses.
     
    Das HOCHhaus stellt Fragen in Bezug auf Stadtbild, Gestaltung der Skyline und im Falle von Wien bezüglich der bedeutungsvollen Sicht-Achsen. Es sollte möglich sein, anhand klarer Parameter zu ergründen und definieren, was für den Charakter der Stadt, für ihre Wesensart bereichernd ist. Wie will die Stadt auftreten? Wie soll sie uns entgegentreten? Der Tradition verpflichtend und der Zukunft den Weg weisend? Das Hochhaus als Schmuckstück des schon Vorhandenen? Als Bereicherung des Historischen? Als Supplement zum Gewachsenen? Bewusst könnten lieb gewonnene Aspekte verstärkt, Akzente gesetzt, Rhythmisierungen vorgenommen werden. Auch Ablenkungsmanöver wären denkbar um den Fokus zu verlagern von städtebaulich missglückten Punkten.
     
    Auf der anderen Seite steht die Frage nach der Einbindung in die unmittelbare Umgebung, Anbindung z.B. an Weg- und Verkehrsnetze. Sieht man von den Lichtverhältnissen und eventuellen Fallwinden ab, ist das „hohe HAUS“ ein „Nachbar“ wie jedes andere grosse Gebäude im Quartier. Was bietet ein solches Projekt dem Quartier, wie verändern sich Gewohnheiten, Wege, Einkaufsmöglichkeiten etc. der Bewohner/innen? 
    Ein Gebäude muss nicht Hoch sein, um einen „großen Fußabdruck“ zu haben, z.B. der Hauptbahnhof, der genauso gut Teil dieser Debatte sein kann. Der Begriff “Megastruktur” (nicht nur des Vertikalen) könnte hier gut funktionieren. Kernfrage: Welche Erzeugnisse des Hochhauses sind in welcher Umgebung interagierend und bereichernd? Ja, Wien könnte „den Hochhaustypen des Originellen konstituieren “. Originell im Sinne von einzigartig und unverwechselbar. Also spezifisch und nicht standardisiert und konfektioniert, eben genau für seinen konkreten Standort geschaffen. Auf allen Ebenen (Volumen, Oberfläche etc.) aber v.a. auch im Hinblick auf gelebte Beziehungen im Quartier. Was wäre, wenn es gelänge, zusammen mit den unmittelbaren Anrainer/innen zu bestimmen, was das neue Gebäude alles können – und auf keinen Fall tun sollte?

  5. Cities are growing and population is increasing fast. Everyone wants to live as close as possible to the city center and for now only visible option to please this demand is to build into the height. Statistically Europeans don`t like to live high above the ground, so from that point of view skyscrapers aren`t suitable solution for increasing population. There is also question of what happens with the skyscraper in case of earthquake or what happens if one is living in for example 15th floor and elevator is broken? More and more people are coming in to the city, because there are still empty accommodation capacities for them. But why city needs to grow and finally grow into the height? What if city stops to enlarge and builds new apartments in lower buildings in the city suburbs?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s