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Auch Blinde sollten vom Hochhauskonzept erzählen können…

3 Kommentare

Bernd Vlay – Vorerst nochmals anerkennenden Dank, Max und Erich, für Euren Zündstoff zur Hochhaus-­‐Echodebatte. Endlich habe ich, dauerhaft angeregt seit dem Lesen Eurer Zeilen eine Lücke aufmachen können, um einige Zeilen in die Diskussion hineinzutragen.

J.G. Ballard hat uns in seinem Roman „High-­‐Rise“ – eine „Hommage an Ernö Goldfingers Balfron-­‐Tower in London – eingehend vor Augen geführt, dass der Typ des Hochhauses aufgrund seines „Eigensinns“ die guten Absichten der Planung exzessiver als anders Typen unterwandert: der vom Architekten wohlgeplante Mikrourbanismus des Wohnquartiershochhauses mit seinen an die Rue Vertical angelehnten, öffentlichen Zwischendecks mit Einrichtungen für das tägliche Leben (Einkaufen, Spiel, Sport, Freizeit) und seiner, der natürlichen Ordnung des Marktes folgenden Rangordnung – alle Bewohner sind exklusiv, jedoch wohnt man unten weniger exklusiv als oben – bricht total zusammen. übrig bleibt der Turm als programmatisch nicht beherrschbares Zeichen, eine babylonische Geschichte (Ernö Goldfinger ist tatsächlich nach ein paar Monaten aus dem Penthouse des Balfron-­‐Towers ausgezogen, enttäuscht darüber, dass die Bewohnerinnen nicht in der Lage waren, seine Planung im Alltagsleben richtig zu praktizieren, zu leben).

Die Hochhausdebatte steht genau in diesem Spannungsfeld zwischen legitimierbarer Planung (guter Absicht) und der Musik des Zufalls als Amalgam unterschiedlicher, den Städtebau antreibenden Kräfte: das Geflecht aus Immobilienwirtschaft, politischen Ambitionen, günstigen Gelegenheiten, infrastruktureller Logik, angereichert mit allen möglichen, aus der spezifischen Kulturgeschichte unserer Gesellschaft hervorgegangenen, konfliktreichen Ansprüchen (individuelle Inszenierung, Normalität, Gestaltung, Durchmischung, Zonierung, Ökonomie…).

Der Plan der guten Absicht im Sinne eines kompositorischen Ganzen ist also schon längst gescheitert. ERs Formulierung, dass wir das Hochhauskonzept als administrierbare Gemengelage an Argumenten auffassen sollten, ist daher ein Schlüsselsatz: ein Konzept als kompensatorische Leistung, als produktive Legitimationsstrategie für etwas, dessen Legitimierung eigentlich nur ein (pragmatisches) Bekenntnis ist.

Finden wir uns einmal damit ab, könnten wir das Hochhauskonzept als lustvolle Handlungsanweisung für eine spannende Transformation des Wiener Raums auffassen (ERs Referenz des Klötzebauens) und mit dem Hochhauskonzept das Potenzial für „produktive Differenzen“ ausloten. Ob das in Transdanubien der von ER angesprochene Archipelcharakter ist und der „Gemischte Satz“ in Cisdanubien, möchte ich noch nicht so formulieren, auch wenn das Ergebnis des HHKs möglicher Weise diese Formulierung unterstützen wird.

Denn: die Formulierungen „schöner Zufall“ (HHK) und die „Kompensatorik der Megastruktur des Vertikalen“ (MR) veranlassen mich doch, mehr über die Frage der Wertschöpfung wissen zu wollen. Das Hochhaus inszeniert die Vertikale, und ich möchte hier die Spannung zwischen physikalischer und medialer Energie aufgreifen.

Vertikale Punkte intensivieren die nach unten gerichtete Schwerkraft, die Gravitation lässt die Masse des Hochhauses am Boden der Stadt unmäßig kulminieren. Diese nach unten gerichtete, hochverdichtete Ballung an Kräften, ist proportional zur reinen Höhe, der Sichtbarkeit, die sich über die Stadttextur erhebt. Während das Hochhaus sich einerseits nach oben, in den Luftraum über der Stadt streckt, strapaziert sein punktuelles übergewicht andererseits den Boden unter seinen Füßen: am Boden der Stadt haben wir es, egal wie elegant verschleiert, mit einer schweren Landung zu tun, von der massiven Landung der begleitenden Fallwindschleier (schwere Winde) ganz abgesehen.

Diese doppelte vertikale Effekt von Schwere und Höhe ist e-­‐norm, also jedenfalls bis heute in der europäischen Stadt außergewöhnlich (Madelon Vriesendorps hat sehr schön die Aufhebung des Besonderen – die deprimierende Normalwerdung des Enormen – in ihren surrealen Illustration von Delirious New York /Koolhaas 1978 dargestellt).

Wir können diesen Exzess des Vertikalen– wie die „Bigness“ von Rem Koolhaas – an und für sich bereits als Monument bezeichnen, das ohne kompositorisches Zutun ganz von selbst entsteht (egal ob verunstaltet oder elegant):

vertikale Akupunktur, denn die Akupunktur setzt Sichtbarkeit, Landung und Positionierung zueinander in ein bestimmte Relation, um das Wohlbefinden eines Körpers zu steigern. Allerdings animiert die Akupunktur unsichtbare, organisatorische Energieströme und zieht nicht die Konturen des schönen Körpers nach. Die Akupuntur wirkt dort, wo sie nicht ansetzt, ohne ihre Präsenz am Ort des Einstichs zu verleugnen: vertikaler Stich mit horizontaler Ausbreitung. In diesem Zusammenhang ist es wertvoll, MRs kompensatorische Effekte zur reflektieren:

Jedes einzelne Hochhaus ist ein Manifest von An-­‐ und Abwesenheit: das Lokale wird genauso vereinnahmt wie das Territoriale und die Schichten dazwischen. Als Punktlandung muss jedes Hochhaus Akupunktur leisten, das heißt zum Wohlbefinden des gesamten Stadtkörpers (des Territoriums) beitragen. Da der Stadtkörper Wiens ein komplexes Territorium – ein Archipel an Stadtmodellen – und keinen modellierten Body (im Sinne des Bodybuildings) darstellt, ist der schöne Zufall immer in die Form eingeschrieben. Dieser Zufall wird aber definitiv durch die kompositorisch unnachvollziehbare Präzision des Konzepts zum Programm: die aleatorische Präsenz in der dritten Dimension sollte also durch das Hochhauskonzept gut im organisatorischen Substrat der Stadt verwurzelt werden können.

Dabei sind der trans-­‐lokale/mediale Mehrwert der Hochhäuser der konkret lokale Mehrwert, der Mehrwert der physischen Präsenz, gleichberechtigt. Auch wenn, wie ER argumentiert, ein Hochhaus durchaus Normalität repräsentieren kann, ist es tatsächlich immer auch durch das Abnorme bedingt – keine vertikale Sackgasse, sondern ein Raum vertikal isolierter Sequenzen, der dem Filmischen (mit dem Fahrstuhl als Kamera) näher ist als dem Physischen. Die vertikale Mikrourbanität ist (zumindest im Wohnhochhaus) zum Scheitern verurteilt, da in der vertikalen Bewegung das Unangestrengte des Alltäglichen aufgehoben ist und zum Sonderfall wird. Aufgrund der außergewöhnlich angestrengten Rahmenbedingungen tendieren daher die Hochhäuser zum vertikalen Primitivismus, der repetitiven Extrusion eines Grundrisses, zur Normierung des Normalen. Und vielleicht hat dieses exaltierte Normale nicht einmal eine besondere Relevanz.

Was vielmehr als Mehrwert verhandelt werden sollte: die exaltierte Spannung zwischen Bodenhaftung und Abgehobenheit als Manifestation des lokalen und translokalen Effekts: Punktlandungen setzen perfektes Landen vor Ort voraus (statt vertikale Ministädte spezielle Bodenhaftung als Impuls für urbane Dynamiken, warum nicht auch grüne Krater). Punktlandungen im Sinne der Akupunktur sind aber auch bewusste Setzungen mit dem Mut zum schönen Zufall, weil der Mehrwert dieser Setzungen gar nicht groß genug gedacht werden sollte.

Auch Blinde sollten vom HHK erzählen können….

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Autor:
Bernd Vlay (Architekt, Urbanist, Generalsekretär Europan Austria, Wien)
http://www.studiovlay.com/

Foto:
123Hollic creative common licence by sa
remixed by bernhard jenny creative common licence by sa

Dieser Artikel bezieht sich auf:
Hochhauskonzept Wien
Position maxRIEDER
Position Erich Raith

3 Kommentare zu “Auch Blinde sollten vom Hochhauskonzept erzählen können…

  1. Mit Hochhäusern werden gigantische Impulse gesetzt. Impulse, die man nicht so schnell wie verstochene Akupunktur-Nadeln wieder zurücknehmen kann; die „Musik des Zufalls“ hat schon des Öfteren den gewünschten Ton verfehlt.

    Doch nur auf bessere Zeiten zu hoffen, ohne Aktionen zu setzen wird auch keine Erfolge bringen. Stattdessen soll ein gewagter, aber gut gesetzter Stich der Wiener Innenstadt neue Impulse geben. Die Grantigkeit der Wiener sollte vorübergehend gelockert werden, um den Blick für ein neues Stadtbild zu öffnen. Eine andere Perspektive, in der Neues weder mit einer Schädigung der historischen Stadtsilhouette gleichgesetzt noch ohne Hinterfragen glorifiziert wird.

    Ich will die Geschichten der Blinden in ihren lachenden Gesichtern sehen können!

  2. Could it be that the abandonment of „normality“, i quote the repetitive Extrusion of a floorplan ,here cited as dissapointment, shaped in a more complex way ( rather than formed as a vertical allignment of same elements) provoke a greater feeling of Isolation ? What if the high vertical urbanity ( i will call it urbanity due to its size and impact on ground) that could have been extruded to a denser structure of variety act as a selfstanding object that no longer cant be read and related to? What if the normality of a verticality, a copy paste process is easier to understand as a not so dangerous and intrusive structure that is easier to understand and let linger in our perception and understandment of the surrounding cityscape?

  3. Verticality, producing generic and repeated spaces: the elevator is detaching the body from the feeling of height, and automatises the architecture.
    The feelings and perceptions a vertical space is creating are obeying to a neoliberal logic — as the example of Delirious New York explains, floors are equaling to money. The question of heights in the city are interesting to apply in the city of Paris, where a strict regulation is defining the maximum height of new constructions with the average Haussmann building. Recently, the Tour Triangle from Herzog & De Meuron was accepted for construction by the city: an exception was made for this tower which will reach 180 meters (140 meters higher than the average limit height).
    It raises a question between cultural heritage and sustainability: Paris is already spreading far beyond its historical borders, and a lot of propositions are made to actually spread the city in a vertical direction.
    Between two extremes — New York with an unlimited vertical growth and Paris stuck at a 40 meters height — where is the right middle for a vertical evolution. We do not control vertical spaces, and don’t know how to create an actual living environment that is more than just residential or offices. Community living in vertical spaces is particularly tricky, and implies a lot of constraints and innovations. In ‚The World Inside‘, a science fiction novel from Robert Silverberg, people are only living in vertical superstructures, detaching the Human from the natural ground, and evolving towards a completely controlled and artificial environment.
    Creating the territory in the vertical direction is at the same time a way towards sustainability, and a problematic regarding cultural heritage. How is this paradigm going to result? And how will the architect manage to insert himself in this problematic?

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