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Versuch einer Stellungnahme zur „Frage der Legitimität von Hochhäusern in Wien“ (nach maxRieder)

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Erich Raith – Dein kurzer Text und sein Titel treffen den Kern der Auseinandersetzungen um ein Hochhauskonzept für Wien.

Einmal mehr fällt mir der lässig ausgesprochene Sager von Hans Hollein ein, den ich von der ersten Diskussionsveranstaltung zum Hochhauskonzept 1991 (Coop Himmelblau / Synthesis) sinngemäß so in Erinnerung habe: „Es gibt keine Begründungen dafür, warum man in Wien Hochhäuser bauen muss. Entweder man will sie, oder man will sie nicht.“

Aus heutiger Sicht hat der Satz mehr Tiefgang, als damals für mich erkennbar war. Ich sehe auch heute noch keine Chance, ein Bekenntnis zum Bau von Hochhäusern auf irgendeiner argumentativen Ebene ausreichend abstützen zu können. Was bleibt ist die Herausforderung, mit dieser Legitimationskrise auf möglichst hohem Niveau umzugehen, zumal seit 1991 ja eine beachtliche Zahl an Hochhäusern in Wien realisiert wurde und dieses Faktum eine grundsätzliche Infragestellung von weiteren Hochhäusern äußerst fragwürdig machen würde.

Man kann also Hochhäuser so bauen wollen, wie Kinder lustvoll Bauklötze so lange übereinanderstapeln, bis das Konstrukt einstürzt. Wenn man sie fragt, warum sie das machen, antworten sie: Weil sie es machen wollen (siehe Hollein). Dahinter steht Neugier, die Lust am Ausloten des Machbaren, am Machen – und am Scheitern – selbst. (Wir kennen diesen kindlich-naiven Zugang ja auch von jenen fernöstlichen Fremdenführern, die auf die Fragen nach den Beweggründen ihrer Vorfahren, gewaltige Bauwerke zu errichten, meist mit einem entwaffnend sonnigen Lächeln antworten: „Because they liked it!“.)

Exkurs: Der Babylonische Turm – ein anmaßendes Projekt, dessen Scheitern vielleicht gar kein Scheitern war, weil der eigentliche Auftrag des Unternehmens, die Grenzen des Machbaren aufzuzeigen, ja konsequent erfüllt wurde. Besonders spannend erscheint mir bei dieser biblischen Legende die Paralellität zwischen dem Versagen der materiellen und der sprachlichen Konstruktionen. (Davon später.) Heute sind die Fragen nach den Grenzen des Machbaren wohl eher in den Bereichen Politik, Verwaltung, Wirtschaftlichkeit, Kommunizierbarkeit, einem latenten Kulturpessimismus etc. als im baulich-konstruktiven Bereich auszumachen.

Daraus könnte ein erster strategischer Ansatz abgeleitet werden: Man bekennt sich dazu, dass Hochhausprojekte nicht ausreichend legitimiert werden können – und folgert konsequent, dass sie daher auch gar nicht über das Erfüllen „normaler“ Qualitätskriterien hinaus speziell legitimiert werden müssen. Was wären die Konsequenzen? Ginge das Abendland unter?

Der zweite strategische Ansatz, an dem wir uns jetzt im Sinne einer Fortschreibung des bestehenden Hochhauskonzeptes abmühen, besteht aus der überlagerung möglichst vieler unzureichender Legitimationsversuche unter der Annahme, dass diese in Summe ein administrierbares Gemenge an Argumenten abwerfen werden.

Da gibt es z.B. die Anläufe über raumplanerische Umwege (Zentrumsbildung, Cluster, lokale Kontexte, Hochhaus als Freiraumgenerator etc.), über marketingorientierte Umwege (Stadtimage, Adressbildung, Internationalität etc.), über verkehrsplanerische Umwege (Einzugsbereiche, Nähe zum hochrangigen öV etc.), über stadtökologische Umwege (Verdichtung, Nutzungsmischung, green skyscrapers etc.), über stadtgestalterische Umwege(Stadtbildproduktion durch Vorrang- und Ausschlusszonen, Blickachsen, Modellierungen des „Stadtkörpers“ etc.), über gebäudetypologische Umwege (Wohnhochhäuser, Bürohochhäuser, Hybride, innovative Konzepte der Vertikalisierung von ??? etc.), über architektonische Umwege (Fokussierung auf Fragen der Gestaltqualität oder der skulpturalen Expressivität der Einzelobjekte etc.), über immobilienwirtschaftliche Umwege (die Skyline als „Balkendiagramm“ zur Sichtbarmachung des Bodenpreises etc.) usw.

Der Umweg über eine semiologische Interpretation der Stadt ist hier deshalb einen Kommentar wert, weil, fast alle diesbezüglichen Bezugnahmen in der öffentlichen Diskussion verkennen, dass gerade auf dieser Argumentationsebene erst in den letzten Jahrzehnten ein irreversibler Bruch in den Traditionslinien der „europäischen Stadt“ passiert ist – und zwar ohne diesbezüglichen Masterplan. Das im „Canalettoblick“ verewigte Privileg der Kirche, die Stadtsilhouette mit ihren Zeichensetzungen (Türmen und Kuppeln) allein! dominieren zu dürfen, kann heute nicht mehr das Thema sein. (Das Privileg des superreichen Kriegsherren Prinz Eugen von Savoyen, auf die so medial charakterisierte Stadt von noch weiter oben herabschauen zu dürfen, lässt sich in Positionen wie jener des Investors Toyner eher finden, der jetzt vom Eislaufverein und einem neuen – vertikalisierten – „Lustschloss“ aus in Augenhöhe auf das Belvedere zurückschauen will.) Es verwundert, wenn Otto Kapfinger den Bau eines Hochhauses an dieser Stelle an die Legitimation durch eine öffentliche Nutzung (Haus der Musik etc.) koppeln will. Geht das seit dem Millenniumstower und dem DC-Tower noch? Ich denke: Nein! In diesem Sinn sollten wir auch terminologisch präziser zwischen „Türmen“, die eine rein mediale Funktion als Zeichen haben, und „Hochhäusern“, die vertikal gestapelte Nutzflächen aufweisen, unterscheiden. Unsere Legitimationskrise ist vielleicht sogar primär dadurch entstanden, dass die traditionellen Regeln der Lesbarkeit von Stadtbildern mittlerweile versagen, sich keine vergleichbar wirksamen Grammatiken ankündigen und daher das rein motivische Festhalten an den „alten“ Bildern (bei dir: „Canaletto/Weltkulturengheitsperspektiven“) genauso vergeblich bleiben wird, wie manche verzweifelten Versuche, Veränderungen in unserer Alltagssprache zu unterdrücken. Uns wird es aber auch nicht gelingen, eine neue allgemeinverbindliche „Sprache der Stadt“ zu definieren.

Auf allen diesen Umwegen kann man die Legitimationskrise umrunden und vielleicht auch (ausreichend???) einengen. Natürlich bleibt in der Welt der Architektur immer der Ausweg ins Artistische und in eine (von Dir angeregte) Originalität. Eine Flucht zu „Hochhaustypen des Originellen“ erscheint mir schon deshalb fragwürdig, weil Originalität mit der Zeit korrodiert. Da entsteht eine Tendenz, immer und überall um jeden Preis originell sein zu müssen und die für lebendige Städte maßgeblichen „Qualitäten des Selbstverständlichen/Normalen“ wegzublenden. Das würde ich gerade dieser Stadt gerne ersparen! Ich sehe schon auch andere Pfade zu substanzieller Innovation. Ebenso ersparen möchte ich uns „vertikale Ministädte“, die meiner Einschätzung nach genau deinen Forderungen nach Zusammenhang, Mischung, Komplexität und Entwicklungsfähigkeit kaum gerecht werden können. Wenn dreidimensionale Megastrukturen so groß werden , dass sie ausreichend Potenzial bekommen, Urbanität zu generieren, dann werden sie Babylonische Türme. Oder sie bleiben „Mini“, dann werden sie nicht urban, weil schon allein ihre Erschließungssysteme nur vertikale Sackgassen darstellen und Sackgassen im Kontext der „europäischen Stadt“ immer nur antiurban sein können.

Was bleibt ist auf gebäudetypologischer Ebene ein Bekenntnis zu Nutzungsoffenheit und -mischung, sowie zu einer angemessenen Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit (das sind bislang nicht gerade die Stärken von Hochhäusern!). Was außerdem bleibt ist dein Verweis auf jene kompensatorischen Leistungen, die Hochhäuser ortsspezifisch erbringen können. (Wie du sagst: „Welche Erzeugnisse des Hochhauses sind in welcher Umgebung interaktiv integrierende und bereichernd?“) Dieser Ansatz verankert solche Bauten aber ausschließlich in lokalen Zusammenhängen (z.B. Hochhäuser als Instrumente zur Freiraumgewinnung oder – im Gegenteil – zur Nachverdichtung, eventuell zur Erhöhung von Komplexität etc.).

Aus stadtmorphologischer Perspektive wäre es darüber hinaus methodisch naheliegend, über „Stadtsysteme“ nachzudenken, z.B. über den Typus einer „Hochhausstadt“ in der Bebauungsstrukturen, Nutzungsszenarien, Freiraum- und Erschließungssysteme etc. einer gemeinsamen strukturellen Logik folgen (Typologie statt Originalität sozusagen…). Nachdem man zwischen der Neuen und der Alten Donau die Chance verpasst hat, hohe Punkte frei und solitär in den Donau-Landschaftsraum zu setzen, dann irgendwie eine Hochhausstadt anvisiert hat , sie aber durch ein Festklammern an Block- und
Straßenrandbebauungsthemen wieder unterlaufen hat, bleibt dort ohnehin nur mehr die Flucht nach vorne. Jedenfalls könnte es hier lohnend sein, den Typus „Hochhausstadt“ zu präzisieren. (Dass in der Donau City die Kirche von Heinz Tesar als ganz kleines Objekt mittlerweile „das Besondere“ repräsentiert und damit für die Umkehrung des Canaletto-Blicks steht, ist ein Verweis in diese Richtung.) Das gilt natürlich auch für den Wienerberg und
andere Standorte, die Hochhaus-Cluster aufweisen oder anpeilen.

Wenn man sich aus den lokalen Kontexten heraus wieder in den gesamtstädtisch/überregionalen Maßstab zoomt, erscheint mir im Moment die Verschiebung in der Relation Cisdanubien–Transdanubien eine zentrales Thema zu sein. Mich beschäftigen in diesem Zusammenhang Szenarien, die das „alte“ Leitbild (Otto Wagner, STEPs etc.), nach dem Transdanubien als Erweiterung von Cisdanubien zu kolonisieren wäre, bewusst verlassen und gezielt auf die Entwicklung „produktiver Differenzen“ setzen.

Das könnte heißen, dass man Themen, die für das cisdanubische Wien typisch sind (Zentralität, Hierarchisierungen, (Blick-)Achsen etc.), in Transdanubien so konsequent wie möglich in ihr Gegenteil verkehrt. Die Strukturen, die zwar in Transdanubien liegen, aber bereits offensichtlich den Prinzipien des „alten“ Wien gefolgt sind (die Achsen Wagramer Straße, Brünner Straße und die Seestadt als karikaturhafte Wiederholung des radialkonzentrischen Musters etc.) könnten als Ausnahmen akzeptiert werden (z.B. mit einem Hochhauscluster im Zentrum Kagran…). Alle anderen Bereiche sollten auf eine möglichst kleinteilige, flache, hierarchiefreie, „verrückte“ Mischung aller Aspekte setzen. (1000 Seen statt einen im Zentrum einer
ringstraßenbewehrten Seestadt! – auch 1000 Waldstücke statt der Schließung des Wald-und Wiesengürtels im Norden!!! Etc.) In Hinblick auf die Hochhaus-Frage führt das entweder zum Setting „Bernard Voita“ (laut Hochhaus-Team) oder – noch konsequenter – zum Verzicht.

In Cisdanubien sehe ich im Gegensatz dazu eine Mischung aller anderen Settings, die so weit wie möglich konzeptionell zu schärfen wäre. („Gemischter Satz“ also wieder einmal) und vor allem einen Entwurf auf instrumenteller Ebene (Regeln, Prozessdesign etc. – in ungefähr deinen Worten: „… leidige, antiquierte Sorgen …“).

Autor
Erich Raith

dieser Artikel bezieht sich auf das
Hochhauskonzept Wien
und die Position von maxRieder „Zur Frage der Legitimität von Hochhäusern in Wien.“ dazu.


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Bild: MicadoX cc licence by nc sa
remixed by bernhard jenny cc licence by nc sa

3 Kommentare zu “Versuch einer Stellungnahme zur „Frage der Legitimität von Hochhäusern in Wien“ (nach maxRieder)

  1. Pingback: Auch Blinde sollten vom Hochhauskonzept erzählen können… | KooperativerRaum.at

  2. Ein ausgezeichneter Essay über eine seltsame Frage.
    Der Ansatz der grundsätzlich unterschiedlichen Stadtstruktur in Cis- und Transdanubien und die produktive Mischung von Bodennutzungen weist (hoffetnlich) in eine Zukunft, welche allerdings die Gefahr von Begehrlichkeiten nach Unverbautem nach sich ziehen dürfte.
    Was ich immer noch vermisse, ist die Vision vom Hochhausbau nach unten, unter das Erdniveau, von dem Sie als Architekt hoffentlich anders denken als Lieschen Müller, das „in so was nie wird wohnen wollen“. Er wird den Städtebau tatsächlich tiefgreifend verändern (können), so in 50 bis 100 Jahren halt. Schade, dass ich es nicht mehr erleben werde.

  3. Vielleicht bräuchten wir einen Turmbau zu Wien.
    Einen Steffl des 21. Jahrhunderts, der die aktuellen Grenzen des Machbaren in der Wiener Innenstadt aufzeigt. Wie beim Babylonischen Turm soll es nicht darum gehen, das Projekt so schnell wie möglich fertigzustellen (auf Geschwindigkeit sollte man in Wien nicht setzen), sondern ein neues Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass sich auch Wiens Innenstadt weiter entwickeln kann. Ein Hochhaus, das nicht der Wiener „Politik, Verwaltung, Wirtschaftlichkeit, [und dem] latenten Kulturpessimismus“ zum Opfer fällt, sondern eben dagegen aufzeigt und die schleppende Entwicklung vorantreibt.
    Ein Hochhaus, das nicht durch seine Investoren spricht, sondern durch seine architektonischen Qualitäten.

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