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Architektur Stadt Land Gesellschaft

Zu viel und zu wenig

Ein Kommentar

Norbert Mayr – „Im Frühjahr 2013 erhielt der Autor die Anfrage, für den folgenden ICOMOS World Report „HERITAGE AT RISK“ einen Beitrag über die Situation in Salzburg zu verfassen. Als Mitglied von ICOMOS Austria beobachte ich mit Bedauern und Besorgnis die auch in dieser Institution wahrnehmbaren Ressentiments gegenüber zeitgemäßer Architektur.

Der Text wurde im August 2013 der Redaktion übermittelt. Ob und wann er im World Report erscheinen wird, ist ungewiss.“

Die langjährige Beschäftigung mit Denkmalpflege, Bauen im und am Bestand, zeitgemäßem Architekturschaffen und einer nachhaltigen Stadtentwicklung führt u.a. zu folgenden beiden Anforderungen an Bauprojekte.

Städtebaulich sensible Bauvorhaben sind in ihrer Auswirkung auf das städtische Gefüge – nicht nur in der Altstadt bzw. dem Weltkulturerbe und dem unmittelbaren Umfeld – genauestens und umfassend zu untersuchen und müssen schlüssig begründet sein. In Salzburg ist dies durch das große stadträumlich-baukulturelle Erbe und die besondere Topografie mit den Stadtbergen und entsprechenden Sichtbeziehungen von besonderer Relevanz. Daher ist auch ein breiter Fachdiskurs zum Thema Hochhaus dringend notwendig.

Auch bei Bauvorhaben in der Altstadt bzw. in historisch gewachsenen Strukturen sind zeitgemäße Beiträge zur Baukultur anzustreben und zu ermöglichen: Diese müssen einen schlüssigen und eigenständigen Charakter mit größtmöglichem Respekt vor Bausubstanz und Bauensemble verbinden, sensibel auf Ort, Umfeld und stadträumliche sowie baukulturelle Kontexte reagieren und sich ihnen einzufügen, ohne sich formal anzubiedern.

Ziel muss ein solch hoher Qualitätsanspruch sein, dass damit das baukulturelle Erbe erweitert wird und in wenigen Jahrzehnten ICOMOS ISC20CH (INTERNATIONAL SCIENTIFIC COMMITTEE TWENTIETH CENTURY HERITAGE) – die internationale Arbeitsgruppe wird dann vielleicht ICOMOS ISC20+21CH heißen – diese Bauwerke als besonders gelungene Beiträge würdigen kann.

Der ICOMOS REPORT DER ADVISORY MISSION ZUR WELTERBESTÄTTE HISTORISCHE ALTSTADT VON SALZBURG VON 2. BIS 3. APRIL 2013 widmete sich sechs aktuellen Bauvorhaben. Das aktuelle, äußerst problematische Brückenprojekt in Salzburg-Mülln am Mönchsberg wird in diesem Report nicht angesprochen. 2010 hat sich allerdings ICOMOS AUSTRIA gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege sowie der Initiative Denkmalschutz ein Memorandum verfaßt: Das Land Salzburg will direkt vor der Monikapforte das Brückenprovisorium, das für den Bau des 2004 eröffneten Museums der Moderne errichtet wurde, durch eine fixe Brücke ersetzen. Das architektonisch durchaus ambitionierte Projekt des Salzburger Architekturbüros HALLE 1 verläuft verkehrstechnisch schräg über den Wehrgraben wenige Meter vor der Monikapforte. Engagiert-zeitgemäße Architektur kann jedoch den entstehenden städtebaulichen Missgriff nicht beheben. Das Brückenprojekt steht in eklatantem Gegensatz zur Logik und Klarheit der dreistufigen Fortifikationsanlage, das denkmalgeschützte Ensemble bildet einen einzigartigen Teil der unter Fürsterzbischof Paris Lodron (1586-1653) errichteten Stadtbefestigung. Das Nadelöhr Monikapforte erschloss bis zur Errichtung des Provisoriums 2002 das Landschaftsschutz- und Erholungsgebiet Mönchsberg in bester Weise. Die Müllner Schanze und der Stadtberg verdienen eine respektvolle Behandlung, der Zustand bis 2002 wäre auch eine bewährte Zukunftslösung.

Die Thematisierung des städtebaulichen Missgriffs führte zu einem Reflex Salzburger Kulturschaffender mit dem Vorwurf an die Kritiker der Brücke, zeitgemäße Architektur verhindern zu wollen. Die ablehnende Haltung gegenüber moderner Architektur in der Altstadt war breit und dauerte Jahrzehnte, nach einer erfreulichen Öffnung für zeitgemäßes Bauen ab den 1980er Jahren wachsen die Ressentiments heute wieder. Diese Entwicklung ist bedauerlich und der erwähnte Reflex erschwert zusätzlich eine differenzierte Diskussion.

Die Analyse von zwei der sechs im ICOMOS REPORT behandelten Bauvorhaben versteht sich als Debattenbeitrag für städtebauliche und architektonische Qualität.

Projekt „Wohnbau City Life“ Dr. Franz-Rehrl-Platz

Die Advisory Mission vertrat beim Bauvorhaben “Wohnbau City Life” die Meinung, „dass sich das Projekt nicht harmonisch in die Weltkulturerbestätte einfügt und vor allem dem § 5 des Salzburger Altstadterhaltungsgesetzes und daher also auch der Salzburger Altstadtverordnung von 1982 (AStEVO, II § 2-6) zuwider läuft, welches dem Managementplan von 2008 für das Salzburger Weltkulturerbe beigefügt wurde und Bestimmungen für Fassaden, Fenster, Dächer usw. enthält.“

Die dezidiert angesprochenen „Bestimmungen“ in der Altstadterhaltungsverordnung 1982 beziehen sich auf „charakteristische Bauten besonderer Art wie Kirchen, die Festung Hohensalzburg, Befestigungsanlagen“, z.B. sollen Fassaden „in einer für das charakteristische Gepräge des Stadtbildes und Stadtgefüges entsprechenden Form zu gestalten“ sein: „Insbesondere betrifft dies das Hauptgesimse und die Fassadengliederung mit Lisenen, Fensteranordnung, Fensterumrahmungen, horizontalen Faschen im Anschluß an das Hauptgesimse oder an Kordongesimse, Verblechungen, Schmuckelemente sowie vorhandene Unregelmäßigkeiten der Fassadenfläche.“

Das „Herunterbeten“ dieser baufibelartigen Punktation führte bei Neubauten in den 1970er und 1980er Jahren zu trivial angepassten Ergebnissen, die damals die Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung (SVK) als altstadtgerecht gesehen hat: So gab die SVK beim 1983 fertiggestellte Wohnhaus Augustinergasse 5A der „traditionellen, dem Charakter der Umgebung folgenden Lösung den Vorzug“, wie es im Erfahrungsbericht der Sachverständigenkommission „Altstadterhaltung in Salzburg 1967-1987“ hieß. Die Gestaltung folgte keineswegs der Umgebung mit einem historistischen Visasvis und einem benachbarten Nachkriegsgebäude, das spröde, charakterlose Surrogat entstand aus der plakativen Kombination der Bauelemente Hauptgesims, Lisenen und Fensterumrahmungen.

Einfügung statt Anpassung
Rückkehr-Versuche zum Anpassungs-Dogma dieser Jahre gilt es entschieden entgegenzutreten: Ab dem Ende der 1980er Jahre entstanden viele bemerkenswerte, für das Prinzip der Einfügung stehende Beispiele. Sie wurden vom Altstadterhaltungsgesetz ermöglicht: Der Gesetzgeber hat in Erläuterung des erwähnten §5 eindeutig festgehalten, „daß eine historisierende Bauweise, eine Imitation alter Bauten, nicht nur nach dem geltenden Recht nicht gefordert ist, sondern auch nicht erstrebenwert erscheint.“ Dieser Passus bildet die Basis für die erfreuliche Öffnung der Altstadt für zeitgemäßes Bauen.

Das erste Beispiel dieser Art im Sinne der Öffnung von Sachverständigenkommission und Altstadt für engagiertes Bauen war das nach Plänen von Architekt Fritz Lorenz 1988 fertiggestellte Haus Arenbergstraße 29b.
Das Wohn- und Atelierhaus befindet sich gut 100 Meter vom Dr. Franz-Rehrl-Platz entfernt: Der Architekturtheoretiker Otto Kapfinger fasst die damalige Entwicklung zusammen: „Wie kann in die prominente Zeile im rechten Flussufer ein Neubau ohne Stilkopie eingefügt werden? 1985 war das die Gretchenfrage für den 1. Gestaltungsbeirat. Die eingereichten Pläne waren indiskutabel, und der Beirat, damals auch für diesen Altstadtteil zuständig, wollte nachweisen, dass die lokal längst nur mehr negativ behandelte Frage positiv lösbar ist. Trotz vieler Vorgaben gab es doch ein stimmiges, nobles Ergebnis: ein schlichter, klarer Baukörper, subtil auf den Kontext reagierend, doch mit zeitgenössischen Elementen, von der Straße zurückgesetzt auf ein Plateau, das mit rauer Stützmauer zum Gehsteig abgrenzt. [….] Freitreppen, Innentreppen, Podeste, Terrassen, Loggien durchdringen und umgeben das Haus, verklammern Innen und Außen.“

Diesem Haus folgten in den letzten 25 Jahren zahlreiche gelungene, zeitgemäße Bauten und Umbauten in der Altstadt, teilweise im Führer Baukunst in Salzburg seit 1980 (Otto Kapfinger/Roman Höllbacher/Norbert Mayr, Salzburg 2010) ausführlicher dokumentiert und beschrieben.

Auch die Architekten des 2011 eröffneten UNIPARKs Nonntal knapp außerhalb des Altstadtschutzgebiets in der sogenannten Pufferzone bewiesen, dass sie mit dem städtebaulichen und freiräumlichen Kontext sensibel umgehen können. Dass laut Advisory Mission „Neubauten wie die Universität direkt unterhalb des Mönchsbergs […] nun Nonntal“ belagern würden, ist überhaupt nicht nachvollziehbar, zudem soll wohl der benachbarte Festungs- und nicht der Mönchsberg gemeint sein. Zu Recht erhielten Storch Ehlers Partners für den UNIPARK Nonntal die Hauptauszeichnung des Salzburger Landesarchitekturpreises 2012.

Ende 2011 gewann dieses Architekturbüro aus Hannover den Wettbewerb „Wohnbau City Life“ Dr. Franz-Rehrl-Platz zur Bebauung einer ehemaligen Vorhaltefläche für einen Tunnel durch den Kapuzinerberg. Die Bebauung an der Arenbergstraße entlang des steil ansteigenden, bewaldeten Kapuzinerberges ist architektonisch vielfältig vom 16. bis 20. Jahrhundert. Am Beginn der historischen Ausfallstraße steht eine herrschaftliche, schlossartige Villa und ehemalige Lederfabrik, zu ihr gehört der großzügige Park als westliche Nachbarschaft des Wettbewerbsgebiets. Im Osten definiert hingegen das 1953 eröffnete Unfallkrankenhaus (Architekten Josef Hawranek, Paul Geppert, Josef Holzinger und Wolfgang Bauer) einen beträchtlichen Maßstabsprung. Trotz Überdimensionierung besaß der Baukomplex ursprünglich gestalterische Qualitäten, die von Umbauten und Erweiterungen beeinträchtigt werden.

Das einstimmig prämierte Siegerprojekt auf dem Bauplatz knapp innerhalb des Altstadtschutzgebiets reagiert – so das nachvollziehbare Urteil der Jury – „selbstverständlich und zeitgemäß auf die komplexe städtebauliche Situation als Gelenk zwischen den unterschiedlichen Strukturen der historischen Bebauung an der Arenbergstraße, dem Gründerzeitviertel an der Salzach und der Großform des Krankenhauses.“ Die rhythmische Abfolge von Volumina bietet Querbezüge zum Grünraum. Außerdem weckt sie Assoziationen zum historischen Zentrum, seinen engen Gassen, Wegen, Plätzen und gewachsenen Strukturen. Monolithische Körper aus Sichtbeton (Zusatz Weißzement) mit präzise gesetzten bündigen Öffnungen beherbergen individuell geschnittene Wohnungen mit schönen Ausblicken und vorgelagerten Terrassen.

Jury und Anrainervertreter forderten eine Überarbeitung, um die Baumasse direkt an der Arenbergstraße zu verringern, was die Körnung des Projekts verbesserte. Die SVK beurteilte das überarbeitete Projekt positiv: Es „fügt sich harmonisch in die Stadtlandschaft ein, da es die bestehenden typischen Elemente der Umgebung in die Neubaukörper integriert und weiterentwickelt.“

Die Advisory Mission, laut der das Neubauprojekt dem Altstadterhaltungsgesetz widersprechen würde, sieht dies ganz anders: Am Ende ihrer Analyse empfiehlt sie nicht nur, „die störende Höhe des Projekts an der gesamten Länge zu verringern, indem auf das fünfte Obergeschoss verzichtet wird,“, sondern auch, „die Struktur in zwei oder drei klar definierte Einzelbaukörper“ zu gliedern und sich bei der „Gestaltung der Fassaden und Fenster an die vor Ort anzutreffenden Formate“ anzunähern.
„Vor Ort“ bedeutet laut Duden „unmittelbar, direkt am Ort des Geschehens“, also auf dem Bauplatz, dort befinden sich eine Tankstelle und ein ehemaliger Bank-Pavillon. Äußerst problematisch sind die Empfehlungen der Mission, die mit Entwurfs- bzw. Gestaltungstipps massiv in die Grundkonzeption des Projekts bis hin zur Detaillierung eingreifen. Die explizite Erwähnung von Architekturdetails erinnert an eine Zeit, in der ambitioniertes zeitgemäßes Bauen in der Altstadt verunmöglicht oder so beschnitten wurde, dass dessen Stimmigkeit und Qualität darunter massiv litt. Diese dezidierten Empfehlungen kommen dem Appell „Zurück an den Start“ sehr nahe.

Die Forderung, das Siegerprojekt zu modifizieren, sollte sich auf die Frage der Dichte und Höhenentwicklung beschränken und allenfalls ohne substanziellen Kompromiss und Qualitätsverlust möglich sein. Viele Investoren-Projekte haben tatsächlich zu massierte Kubaturen. Die Frage der Angemessenheit gilt es immer zu stellen bzw. kritisch zu hinterfragen. „Wien Mitte“ und aktuell das Hochhaus beim Eislaufverein in Wien haben zu recht ablehnende Stellungnahmen in der Architektenschaft und bei ICOMOS ausgelöst. Besonders ein Standort wie „City Life“ in Salzburg mit sehr verschiedenen Nachbargebäuden wird bei der Frage der Angemessenheit verständlicherweise ein Spektrum an Fachmeinungen aufweisen. Für die Advisory Mission ist die Höhenentwicklung zu extrem, andere Fachleute und Salzburger Bürger, die sich mit der Stadt identifizieren, erklären: „Das Projekt […] ist ein stimmiger und guter Entwurf, der sich differenziert in die städtebauliche Umgebung integriert. Diese Einschätzung bleibt, trotz einer Flut von gegenteiligen, teils unsachlichen Aussagen, richtig.“ (Stellungnahme der INITIATIVE ARCHITEKTUR Salzburg zur medialen Diskussion „Rehrlplatz“ vom 30. 06. 2012).

Für die Advisory Mission läuft das Projekt „den Emotionen der Salzburger Bürger zuwider, die sich mit dieser Stadt identifizieren.“ Es gibt allerdings keine homogene Gruppe „Salzburger Bürger“ mit alleinigem Wahrheitsanspruch. Unter dem nicht unpathetischen Titel „Aktion RETTET SALZBURG!“ fährt die Bürgerinitiative „Schützt Salzburgs Lebensräume“ eine beispiellose Kampagne gegen das Bauvorhaben und konnte – mit nicht unproblematischen Mitteln – tausende Unterschriften sammeln: U.a. präsentierte sie fensterlose Renderings und setzte als negatives Vergleichsbeispiel das 1970 fertiggestellte Orange County Government Center in Goshen (New York) auf die homepage (www.savesalzburg.com/aktion/). Dieser „Vergleich“ geht allerdings nach hinten los: Seit Februar 2013 scheint nämlich – initiiert durch den renommierten World Monuments Fund (New York) – die Erhaltung und Sanierung dieses bedeutenden Architekturmonuments der Moderne (Architekt Paul Rudolph) gesichert (www.wmf.org/project/orange-county-government-center).

Das amerikanische Bauwerk entspricht dem Ziel, durch höchsten Qualitätsanspruch künftige Architekturdenkmäler anzustreben: Im „Wiener Memorandum“, dem Ergebnis der UNESCO-Konferenz zum Thema „Weltkulturerbe und zeitgenössische Architektur“ 2005 steht unter „Grundsätze und Ziele“ zu lesen: „Die zentrale Herausforderung der zeitgenössischen Architektur in der historischen Stadtlandschaft besteht darin, einerseits
auf die Entwicklungsdynamik zu reagieren, um sozioökonomische Veränderungen und Wachstum zu ermöglichen, und andererseits gleichzeitig das überlieferte Stadtbild und sein Umfeld zu respektieren.“

karikatur: thomas wizany

Hochhausprojekt Rainerstrasse

Diese Entwicklungsdynamik hat längst das Gebiet um den Salzburger Hauptbahnhof erreicht, das zweite hier ausführlicher behandelte Bauprojekt plant die HALLE 1. Ihr 2001 eröffneter Makartsteg hat mit elegantem Schwung erstmals zeitgemäße Architektur direkt in die altehrwürdige Altstadtsilhouette eingeschrieben. Der von der Bevölkerung sehr positiv aufgenommene Steg vermittelt – schleifenförmig ähnlich einem Salzachbogen – zwischen den Ufern und eröffnet im Gehen sich verändernde Stadtansichten.

Das Hochhausprojekt unweit des Bahnhofs entwickelten die Architekten in Reaktion auf städtebauliche Studien von kada-wittfeldarchitektur. Die Vorgeschichte ist lang: In Österreich begann das Hochhausfieber mit der Wiederaufbau-Euphorie, in Salzburg stand anfangs kein Wohn- und Bürohochhaus, sondern das 58 Meter hohe „Hotel Europa“. Mitte der 1990er Jahre schien sein Abriss besiegelt. Der Gemeinderat, der 40 Jahre zuvor die Errichtung beschlossen hatte, wollte sich im Jahr 1995 mit großer Mehrheit des mutmaßlichen „Schandflecks“ entledigen. Der Eigentümer „Wiener Städtische Versicherung“ rechnete sich eine doppelte Ausnutzung der Liegenschaft aus. Die Abbruchbewilligung wegen angeblich unsanierbarer Gebäudestatik hatte der Eigentümer in der Tasche. Gefallen sind allerdings die Neubebauungspläne, die Hochhausscheibe von 1956 blieb problemlos stehen. Das Bundesdenkmalamt hatte – spät aber doch – die Qualitäten des facettenreichen Symbols des Wiederaufbaues erkannt, verweigerte aber wegen der mutmaßlich unsanierbaren Statik den Denkmalschutz. Die feingliedrige, nach Plänen von Josef Becvar entstandene Architektur wurde 2002 mit Außendämmung, Vergrößerung des Dachaufbaus und mäßig elegantem Liftanbau leider nicht sehr respektvoll saniert.

Das einhüftig konzipierte Hotel steht – schlank und elegant – im Gegensatz zur ausgereizten Verwertung der Umgebung und ist längst ein unentbehrlicher stadträumlicher Bezugspunkt über den Stadtteil hinaus geworden. Der Abriss hätte somit nicht ein „Schandmal“ der wenig geordneten Stadtentwicklung Richtung Itzling beseitigt, sondern das städtebauliche Entrée zum Bahnhofsviertel und zur (Alt-)Stadt.

Als das Bauvorhaben in den 1950er Jahren eine Hochhaus-Debatte auslöste, bestand ein zentraler Kritik-Punkt in der Beeinträchtigung der Blickachse Maria Plain/Altstadt. Das aktuelle Hochhausprojekt der HALLE 1 wird nun – gut hundert Meter stadteinwärts – eingereicht. An der Ecke Rainerstraße/Saint-Julien-Straße würde es – im „Schatten“ des Hotels Europa – so die Befürworter – den Blick von Maria Plain nicht stören. Die Kufsteiner Baugesellschaft Hans Bodner ist als Eigentümer der einstigen „ÖBB-Gründe“ der Bauherr des Hotelturms mit der Geschäftszeile „Perron“.

Die städtebaulichen Pro-Argumente sind äußerst dürftig. Das Projekt wäre indiskutabel, hielte sich die Stadtplanung an die Ergebnisse des von ihr selbst durchgeführten Expertenworkshops „Bahnhof & Umgebung“ vom Juni 2002. Damals bestand Konsens zwischen Stadt und Investoren, dass als Argument für ein Hochhaus der wirtschaftliche Wettbewerbsvorteil und die Exklusivität bei Adresse und Ausblick nicht reichen, sondern nur eine inhaltlich besondere Bedeutung. Anstelle einer „inhaltlichen Begründung“ für ein Hochhaus – damals war die Übersiedlung der „Städtischen Bibliothek“ in die Rainerstraße im Gespräch – wird der Bauplatz kommerziell ausgereizt.

Diesen Prozess starteten 1999/2001 die Studien von kada-wittfeldarchitektur: Die Planer rückten mehrere Hochhäuser möglichst weit an die Ränder der ÖBB- Grundstücke an Rainer- und Lastenstraße beiderseits des Bahnhofs, sodass sie sich am wenigsten gegenseitig störten. Drei neue Hochhäuser sollten mit dem Hotel Europa den Bahnhof in einem unregelmäßigen Viereck einfassen. Während die beiden Hochhausscheiben an der Lastenstraße eine dem „Europa“ ähnliche Dimension bekommen sollten, war der „Hochpunkt“ der Verbauung an der Rainerstraße – im Vergleich zum heutigen Projekt – rund 2/3 so hoch und halb so groß. Ob diese 4er Hochhaus-Gruppe konzeptuell schlüssig ist, sei dahingestellt, zumindest war ein Entwurfsansatz erkennbar. Im Herbst 2002 erklärte Stadtrat Johann Padutsch, dass ein Hochhaus an der Rainerstraße möglich wäre, „weil es im Schatten des Hotels Europa stünde. An der Lastenstraße seien Hochhäuser kritischer.“ Das 4er-Hochhaus-Konzept starb: Das „Schatten-Argument“ in Kombination mit den überzogenen Kubatur-Forderungen der ÖBB legitimiert das übriggebliebene Hochhaus städtebaulich nicht, trotzdem forcierte es die Stadtplanung.

Das Gebiet um den Hauptbahnhof nimmt im sinnvollen Leitbild einer „Stadt der kurzen Wege“ eine zentrale Rolle mit Verdichtungs- und Entwicklungspotenzial ein. Für das schmale Restgrundstück am Bahndamm sah die Stadtplanung ursprünglich eine Geschoßflächenzahl (GFZ) von 2,0 vor. Diese war deutlich höher als – zum Vergleich – die für Salzburg ziemlich dichte Verbauung des Stadtwerkeareals in Lehen, aber dem Standort am hochrangigen Verknüpfungspunkt angemessen. Für die ÖBB-Immobilien war sie aber viel zu wenig. Sie behaupteten im Juni 2002, dass die Geschäfts- und Bürozeile erst ab der GFZ von 5,0 wirtschaftlich realisierbar wäre. Die Stadt akzeptierte dies, verschenkte zusätzlich die eineinhalbfache Dichte und ermöglichte so die extrem hohe GFZ 5,0, rund das Dreifache des Stadtwerkeareals. Seit 2007 war die Bebauung mit einem fünfgeschoßigen Riegel + zwölfgeschoßigem „Hochpunkt“ von 42 Metern gesetzlich verbindlich.

Im September 2012 machte der Gestaltungsbeirat der Stadt – Eleganz war sein Hauptargument – daraus 58 Meter. So wuchs das HALLE 1-Projekt von 14.000 auf 15.600 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche. Der Gestaltungsbeirat hat seit seiner Etablierung in der Stadt 1984 Wichtiges zur Baukultur beigetragen, in diesem Fall versagt er kläglich. Seit Ende 2012 widmet er sich der Detaillierung der Glasfassaden: Vorsitzender Peter Riepl fordert einen „sehr transparenten Baukörper“ mit einem „guten Blick auf die Stadt […]. Vice versa soll’s natürlich so sein, dass das Haus auf Grund der hohen Transparenz weniger Massivität darstellt, sondern in seiner Erscheinung filigraner und zarter ist.“

Der Hotelturm wird sich dadurch optisch nicht auflösen. So wird er als „neues Entrée“ zum Bahnhofsviertel angepriesen: Er würde „das alte Hotel Europa städtebaulich besser einbinden“, argumentiert Riepl. Das Gegenteil ist der Fall: Die bestehende städtebauliche Konstellation wird durch das neue Hotelturm-Projekt massiv beeinträchtigt, es konterkariert die solitäre Position des Hotel Europa und dessen Funktion als Entrée. Das „Europa“ vermittelt in zweierlei Richtungen, als Entrée zum Bahnhof und zur (Alt)Stadt. Der Südtiroler-Platz am Bahnhof weitet sich zum kleinen Park als Vorzone des „Europa“. Der freiräumlichen Großzügigkeit beim Hotel Europa steht bedrängte Enge beim Hochhausprojekt am Bahndamm gegenüber.

Dieses tritt gravierend und ohne städtebauliche Logik im Stadtgefüge in Erscheinung: Salzburgs „Stadtlandschaft“ besitzt eine besondere Topographie mit Beckenlage und Stadtbergen mit einem vielfältigen Sicht- und Beziehungsnetz: Die meisten Plätze weisen zwei besondere Qualitäten auf, analysierte der Stadthistoriker Gerhard Plasser: Neben den Platzwänden als Begrenzungen des Blicks eröffnen sich – als zweite Perspektive – Sichtbeziehungen zu Stadtbergen und Gebirge. Die wichtige Sichtachse Bahnhofsvorplatz-Rainerstraße wurde von den Architekten und in den Blickachsen-Studien nicht beachtet, hier schiebt sich das Bodner-Hochhaus aber massig vor die Silhouette des Untersbergs. Johann Padutschs „Schattentheorie“ ist das einzige, allerdings sehr bescheidene Pro-Argument, das bestenfalls in eine Richtung funktioniert. Im Blick von Festungsberg verschattet der Neubau das Europa, beide Hochhäuser verschneiden sich willkürlich.

Salzburg will dem Hochaus-Zeitgeist nachhecheln und eine heterogene Skyline, wie sie z.B. den Linzer Bahnhof prägt, schaffen. Dieser seit Jahrzehnten verstärkt kursierenden internationalen „Mode“ widersetzt sich Helsinki mit bemerkenswerter Konsequenz. In der finnischen 600.000 Einwohner-Metropole ist es unmöglich, dass sich kommerzielle Hochhausprojekte in die Skyline einschreiben dürfen. Der Architekturtheoretiker Kenneth Frampton erklärte im März 2013: „Eine der destruktivsten Aspekte der spätmodernen Welt ist der Wildwuchs von Hochhäusern, eines bedeutungsloser als das andere. Es ist ein Wunder, dass immer noch ein paar europäische Metropolen kaum durch Hochhäuser vernarbt sind: Oslo, Stockholm, Kopenhagen, Edinburg und – mindestens bis jetzt – Zürich“ (Neue Zürcher Zeitung, 9. März 2013). Versinnbildlicht das Hotel Europa die Wiederaufbau- Euphorie, so führten die Entwicklungen der 1970er Jahre wie Ölschock oder Öffnung des Parteienspektrums – die Salzburger Bürgerliste (Grüne) war österreichweit Vorreiter – zur Reflexion von Wachstumsdogmen und Kommerzialisierung. Wird das Bodner-Hochhaus realisiert, so schreiben sich Investorenwillkür und Planungskulturlosigkeit – von einem Stadtrat der Bürgerliste forciert – in Salzburgs Skyline.

Hochhaus-Versionen statt zukunftsträchtiger Vision
Im März 2012 präsentierte Planungsstadtrat Johann Padutsch neue „Visionen zu einem urbanen Stadtviertel“. Acht zwischen 30 und 42 Meter hohe Häuser sollen nördlich der Zyla-Türme und der Gebietskrankenkasse gruppiert werden. Der Anspruch ist groß, soll doch das neue Viertel die Itzlinger Vorstadt, in der Science City und HTL angesiedelt sind, mit dem Andräviertel verbinden. Gemeinsam mit der Rest- Realisierung des kada-wittfeldarchitektur-Hochhaus-Gevierts von 2001 entsteht allerdings eine heterogene Agglomeration. Hochhaus-Versionen als aneinandergereihte Bauparzellen-Verwertungen sind das Gegenteil einer zukunftsträchtigen Vision.

Mit dem Hotel Europa als Entrée bildet das Cluster-Projekt im Norden – im Gegensatz zum Bodner-Hochhaus altstadtseitig im Süden – eine städtebaulich ungleich bessere Basis, um Hochhäuser bzw. hohe Häuser zu diskutieren. Über den Direktauftrag an Architekt Rüdiger Lainer hinaus ist die interdisziplinäre Diskussion der unterschiedlichen städtebaulichen Ansätze und Nutzungsszenarien dringend notwendig. Vielleicht gibt es Standorte, welche mit sinnvollen Höhenentwicklungen die Skyline bereichern und nicht belasten.

Zurück zum aktuellen Hochhausprojekt: Die Advisory Mission empfiehlt für das in der sogenannten „Pufferzone“ geplante Gebäude – den 2007 genehmigten Bebauungsplan akzeptierend – eine Gebäudehöhe von maximal 42 Meter. Am 11. 7. 2013 segnete eine Mehrheit im Planungsausschuss des Gemeinderats – entgegen der 58 Meter-Empfehlung des Gestaltungsbeirats – die Reduktion auf 52 Meter ab. Für die HALLE 1 ist der Neubau ein „Bekenntnis zur verdichteten Stadt“, werde das Hochhaus „niedriger gestaltet als das Hotel Europa, kann es nur mehr schwer bis kaum Botschaftsträger dieser erneuerten und auf der vielfältigen Tradition Salzburgs aufbauenden Sichtweise sein. Es würde zu einem Epigonen der Moderne.“ (STELLUNGNAHME vom 14.5.2013 ZUM ICOMOS REPORT DER ADVISORY MISSION ZUR WELTERBESTÄTTE HISTORISCHE ALTSTADT VON SALZBURG (ÖSTERREICH, C 784) VOM 2. BIS 3. APRIL 2013)

Das Erreichen der Hotel-Europa-Höhe mag in der direkten Beziehung beider Türme und bei der Betrachtung der Proportionen zwischen lagernder Geschäftszeile „Perron“ und Hochhaus-Vertikale nachvollziehbar sein, im städtebaulichen Gesamtkontext ist das Volumen aber unverantwortlich. Der sich mit ICOMOS anbahnende Kompromiss scheint wohl zwischen 42 und 52 Meter zu liegen, so würde ein für die HALLE 1 unbefriedigender „Epigone der Moderne“ entstehen.

Das komplette Kappen des Hochhauses wäre am besten, selbst der Kompromiss, die 2007 genehmigte Baumasse des Hotels auf das Büro- und Geschäftshaus aufzuteilen, wäre in dieser verfahrenen Situation eine Lösung. Vor weiteren kontraproduktiven Realisierungen ist eine offene Diskussion über Hohe Häuser und allfällige sinnvolle Standorte dringend zu führen.

Neben Bebauungsdichte und Angemessenheit der Gebäude in der Skyline müssen Nutzungsmix und die Gestaltung einer attraktiven Erdgeschoßzone gut bedacht werden. Besonders das vernachlässigte Bahnhofsquartier und seine Bewohner haben ein identitätsstiftendes Quartier und zeitgemäße Architektur, die attraktive öffentliche Räume bildet, verdient.

Bedauerlicherweise schaut die gebaute Realität anders aus: Der städtische Planungsausschuss kommentierte im Jänner 2003 das Siegerprojekt von kofler architects für die „Postgründen“ nördlich des Bahnhofsvorplatzes optimistisch: Es hat „als einziges Projekt die bestehenden hohen Pappeln am Bauplatz belassen und damit einen halböffentlichen Grünraum geschaffen, der den Stadtteil aufwertet. Die Durchlässigkeit wird über hochwertige öffentliche Räume gesichert.“ Die Pappeln sind längst gefällt, unwirtliche (Verkehrs-)Flächen prägen den Abstand zwischen solitär-hermetischen Bauten. Das höchste Gebäude, die Gebietskrankenkassen-Zentrale, ist als öffentliches Dienstleistungsunternehmen ein Gewinn, im Gebäudekomplex mit dem Hotel trägt hingegen die introvertierte Shoppingmall nichts zum öffentlichen Raum bei.

Beim Symposium „Verstehen Sie Bahnhof?“ 2002 wurde der für ein urbanes Quartier notwendige Wohnungsanteil im Nutzungsmix der Häuser in Kombination mit Büro- und Geschäftsflächen gefordert. Nach langem Widerstand wurden auch Wohnungen gebaut, allerdings direkt an den Gleisen konzentriert. In der Cluster-Konzeption nördlich davon sollen nun Wohnungen mit attraktivem Ausblick ab dem vierten Obergeschoß und alternative Arbeits- und Büroflächen integriert werden. Besonderes Augenmerk ist in diesem benachteiligten Stadtteil auf den öffentlichen Raum zu legen. Hier muss – anstelle solitärer, hermetischer Gebäude – endlich ein lebendiges Quartier entstehen.

„Das Salzburger Stadtbild […] besitzt zahlreiche sowohl kirchliche als auch weltliche Gebäude von sehr hoher Qualität, die aus Epochen vom späten Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert reichen,“ heißt es im ICOMOS REPORT. Notwendig ist der ergänzende Hinweis, dass es längst Beispiele „von sehr hoher Qualität“ aus dem 21. Jahrhundert gibt wie den bereits erwähnten Makartsteg, den 2006 fertiggestellten Umbau des Mozarteums (Robert Rechenauer), die Sanierung des Rathauses 2010-2012 (Max Rieder, Erich Wagner) etc..

Unter „Authentizität (2010)“ ist im ICOMOS REPORT zu lesen: Der Stadt Salzburg „gelang es, seine historische Bausubstanz und das Stadtgefüge zu erhalten, obwohl sie durch Neubauten, welche nicht vollkommen mit der barocken Form harmonieren, gefährdet ist.“ Ob Neubauten tatsächlich mit der barocken Form vollkommen harmonieren sollen, gilt es sehr zu hinterfragen. Diese Epoche hat Wesentliches zum Stadtgefüge beigetragen, bildet aber nur eine Schicht in den vielfältigen baulichen Überlagerungen der Jahrhunderte. Massiv stadtbildprägend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Beitrag der Gründerzeit im Zuge von Entfestigung, Salzachregulierung, Uferbebauungen und Neufassadierungen.

Die damalige massive historistische Überformung der Fassaden der Altstadt und vieler Plätze ist heute fast vergessen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden nämlich die „Allerweltsfassaden“ der Gründerzeit – weil nicht salzburgspezifisch, sondern „international“ europaweit verbreitet – zum „altstadtungerechten“ Feindbild. Durch jahrzehntelange Fassadenkosmetik unter Verwendung typisierter Salzburger Bauelemente – Hohlkehle, barockisierende Putzfaschen, korb-, rund- oder segmentbogige Öffnungen, Konglomeratplattenverkleidungen im Erdgeschoß u. ä. – wurde die Altstadt in großen Bereichen zu ihrem eigenen Plagiat. Diese Entwicklung ging einher mit einer größtmöglichen ökonomischen Verwertung der Bausubstanz, 1932 hieß es: „Was hier als ,Denkmal‘ erhaltungswürdig bleibt, ist etwas mehr oder weniger Abstraktes, Ideelles: Der bauliche Gesamtcharakter “ (Kaj Mühlmann, Stadterhaltung und Stadterneuerung in Salzburg an Beispielen der Restaurierungen Franz Wagner, München-Wien 1932). Schutz galt der „Geschlossenheit des Gesamtbildes“, während die „Forderungen des Verkehrs und der Wirtschaft“ Abriss und Neubau einzelner Gebäude legitimierten. Dies führte in verstärktem Maß nach dem Zweiten Weltkrieg zu Aushöhlungen von Altstadthäusern und zu den „praktischeren“ Neubauten in „altem Kleide“, was erheblich an der historischen Substanz zehrte. So wurde beispielsweise in den 1960er Jahren der Stahlskelett-Neubau einer Bank in der Nähe des Alten Marktes altstadtgerecht dekoriert.

Abweichungen vom Dogma „altstadtgerechter“ Formen, wie der sperrig im Stadtbild stehende Mönchsberg-Aufzug von 1890 – und damit gestalterische Vielfalt – wurden eliminiert. Für den Betrachter verschwimmen historisch Altes und neu erfundenes „Altes“ zu einem diffusen, vermeintlich authentischen Ganzen.

Authentizität und Bausubstanz gehören untrennbar zusammen. Der renommierte Denkmalpfleger Georg Mörsch betont, dass die Existenz des Denkmals abhängig von der Erhaltung seiner authentisch materiellen Substanz ist: „Form und geistiger Inhalt des Denkmals bedürfen unbedingt ihrer geschichtlichen Materie.“ (Aufgeklärter Widerstand, Das Denkmal als Frage und Aufgabe, Basel Boston Berlin 1989, S. 90) Der sich in den Nachkriegsjahrzehnten dramatisch steigenden Vernichtung historischer Bausubstanz wurde mit dem Altstadterhaltungsgesetz 1967 (nur Fassadenschutz) und dessen Verschärfung 1980, der Ausweitung auf das Gebäudeinnere, entgegengewirkt.

Eine Zwischenbilanz am Beginn des 21. Jahrhunderts zeigt die Altstadt von Salzburg als dynamisches Gefüge. Sie präsentiert sich nicht als statisches „Stadtbild“. Die vernetzte Komplexität und vielgesichtige Authentizität des historischen Zentrums lässt sich weder auf eine Epoche noch auf eine zweidimensionale Projektion reduzieren und muss ausreichend Platz für zeitgemäße architektonische Interpretationen eröffnen.

Der Text beschränkt sich auf einige Aspekte des ICOMOS REPORT und der Analyse von zwei konkreten Bauprojekten, andere wichtige Gesichtspunkte – z.B. die Forderung nach öffentlichen Sitzungen der SVK nach dem Vorbild des Gestaltungsbeirats – können in diesem Rahmen nicht oder nur am Rande behandelt werden.

Der ICOMOS REPORT hat die Diskussion in Stadtpolitik und Öffentlichkeit angefacht. Die positive Seite der Debatte führte dazu, dass Politiker wie der Bürgermeister Heinz Schaden nun alte und sinnvolle Forderungen wie ein Bauverbot für Architekten während ihrer Zeit in der SVK aufgreifen. Die negative Seite liegt in der Verschärfung der Fronten zwischen den Befürwortern und Gegnern der Öffnung des historischen Zentrums und seines Umfelds für zeitgemäße Architektur, in zahlreichen Zitaten sind massive Ressentiments wahrnehmbar. Dieser Konflikt überlagert und vermischt sich äußerst unglücklich mit der zentralen Fragen nach der angemessenen Dichte und Höhe von Bauvorhaben und ihrer Präsenz im Stadtgefüge. Die Stadt(Verwaltung) muss den Rahmen dieser Entwicklungsszenarien definieren, im Gegensatz zu selbstbewusst agierenden Kommunen wie Helsinki verweigert sich Salzburg nicht der Privatisierung und Kommerzialisierung der Skyline. In diese offene Wunde hat ICOMOS den Finger gelegt.

Kein Weiterbauen an der Stadt
Hohes Verantwortungsgefühl ist nötig für den Baubestand und das künftig neu zu Bauende. In- und außerhalb des Altstadtgebiets gibt es problematische Nachverdichtungen, bei denen charaktervolle, weder von Stadt noch BDA geschützte Bauwerke oder wertvolle Freiräume – hinter der Debatte ums Weltkulturerbe unbemerkt – verloren gehen. Ronald Gobiet bekämpfte das Projekt Dr. Franz-Rehrl-Platz „als Verdichtung am falschen Ort“, der Landeskonservator von Salzburg zwischen 2003 und 2012 sieht dieses beispielhaft für seine Diagnose, dass die „Stadt ihr Gesicht verliert.“ Der Gesichtsverlust entsteht allerdings primär durch den Abriss von wertvoller und identitätsstiftender Bausubstanz. Bei der aktuellen Nachnutzung der „Rauchgründe“ in Salzburg-Lehen ist das markante, um 1900 entstandene Silogebäude massiv abbruchgefährdet. Diese beeindruckende Landmark der ehemaligen Mühle ist ein Identifikationspunkt für den Süden des Stadtteils und hat das Potenzial für einen attraktiven Begegnungsort für das entstehende Quartier, besitzt aber weder Denkmalschutz noch ein Erhaltungsgebot der Stadt. Dieses unverantwortliche Versäumnis der Öffentlichen Hand trifft auch die Riedenburg(Turn)Halle von 1926 oder die sogenannte „Panzerhalle“ von 1939 in Salzburg-Maxglan. Eine optimierte, ressourcenschonende Stadtteilreparatur mit Substanz, die den Bestand und dessen räumliche Potenziale nutzt, statt unhinterfragt taugliche Gebäude(teile) zu entsorgen, ist in Salzburg noch nicht angekommen.

Autor:
Norbert Mayr, Mag. Dr. phil.,
Architekturhistoriker, Stadtforscher, Autor 

freiberufliche Forschungs-, Publikations- und Kuratorentätigkeit zur österreichischen und internationalen Architekturgeschichte und Architekturtheorie, Stadt- u. Regionalentwicklung sowie Denkmalpflege. Bücher, Kommentare u. Beiträge in nat. u. intern. Fachzeitschriften und Tageszeitungen. 
Lehr- und Vortragstätigkeit, u. a. an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, FH Salzburg, TU Wien, Vorstandsmitglied der INITIATIVE ARCHITEKTUR Salzburg (2000-2009), Mitglied des Landes-Kulturbeirats Salzburg, Fachbeirat Architektur (2001-2006), ICOMOS Austria seit 2001, Arbeitsgruppe ICOMOS ISC20CH (International Scientific Committee of the Heritage of the 20th Century), Präsident DOCOMOMO Austria (2008-2013)
Förderstipendium Architekturpreis Land Salzburg 2002, Salzburger Kulturgüterpreis 2004 für das Internetprojekt L@ndumgang.

Ein Kommentar zu “Zu viel und zu wenig

  1. Also zumindest in Wien hätte ich davon eher weniger bemerkt – da ist der verlinkte Comic mehr als passend.

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