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Gauß: Roma bedürfen unserer Hilfe, nicht der Entmündigung

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Auf meinen Reisen durch die Länder Osteuropas habe ich es mit linken Künstlern und rechten Intellektuellen, mit nationalen, liberalen, sozialistischen Leuten zu tun bekommen und den Eindruck gewonnen, das Einzige, was sie alle eint, das ist die gemeinsame Verachtung der Roma, nein, der Hass gegen sie. Was die Roma auch tun, ob sie betteln oder die Straßen fegen, als Tagelöhner auf dem verödeten Land ihr karges Auskommen finden oder in den Städten zu einigem Wohlstand gekommen sind: man wirft es ihnen immer vor, ihre Armut und ihren Wohlstand, ihre Randständigkeit und ihren Erfolg. Sind sie arm, gelten sie für faul, schuften sie bei der Müllabfuhr, dann haben sie diesen Posten nur dank der unablässigen Bemühung der Kommunen ergaunert, sie vom Stehlen ab- und zur Arbeit anzuhalten; sind gerade keine von ihnen in der Innenstadt zu sehen, sitzen sie sicher irgendwo in ihren dreckigen Siedlungen und hecken Böses aus, geht einer von ihnen gut gekleidet mit einer Aktentasche vorbei, dann handelt es sich natürlich um einen Ganoven, der seinen Status dem Verbrechen verdankt.

Zsolt Bayer, der Ideologe der ungarischen Regierungspartei Fidesz und deren historisches Parteimitglied mit der Nummer Fünf, hat die Roma vor einiger Zeit ungestraft als „Tiere“ bezeichnet, „unwürdig mit Menschen zu leben“; je öfter Roma in Ungarn zum Opfer rassistischer Gewalt werden, um so häufiger sind sie es, die öffentlich der Gewalttätigkeit geziehen werden. In Rumänien hat der vorletzte, vom Westen als verlässlicher Partner wohl angesehene Staatspräsident Trajan Basescu verlangt, das Wort „Zigeuner“ wieder als offizielle Bezeichnung der Volksgruppe einzuführen, weil „Roma“ und „Romana“ zu ähnlich klängen, weswegen die anständigen Rumänen Gefahr liefen, außerhalb ihres Landes mit den dreckigen Roma identifiziert zu werden. Der tschechische Abgeordnete Jiri Sulc wiederum hat im Parlament in Prag gefordert, die Roma nach Haiti zu deportieren, und zwar, wie er höhnisch anfügte, als europäische Wiederaufbauhilfe für das durch das Erdbeben verwüstete Land: „Hilfe für Haiti – wir schicken 200.000 neue Haitianer.“

Wer sich darüber wundert oder gar ärgert, dass in den letzten Jahren so viele Roma aus dem Osten aufgebrochen sind und in unseren schmucken Städten durch ihren schieren Anblick den Wohlstandsfrieden stören, der hat keine Ahnung, was in dem Teil Europas geschieht, aus dem sie sich auf den Weg gemacht haben. Was aber erwartet sie im anderen Teil, im Westen? Von Skandinavien bis Griechenland suchen die nationalen Regierungen nach Möglichkeiten, wie sich den Roma als einzigen Europäern das Recht, innerhalb der Europäischen Union ihre Freizügigkeit durchzusetzen, absprechen ließe. Dass sich an dieser Politik auch Länder wie Dänemark oder Schweden beteiligen, deren demokratische Traditionen für gefestigt gelten können, ist mehr als nur bedauerlich; vielmehr zeitigt es Folgen für die Roma in ganz Europa, auch für jene, die sich gar nicht auf den Weg gemacht haben und in ihren Ländern gut integriert leben. Wer den Roma nämlich, und nur ihnen, durch nationale Zusatzregelungen kollektiv Rechte verweigert, die zu den Rechten aller Bürger der europäischen Union gehören, der mag in politischen Sonntagspredigten noch so fromm vor dem Rassismus warnen, er ist doch dabei, über die größte europäische Minderheit im Reichsgebiet der Union die Apartheid zu verhängen. Es ist der Pesthauch von „Sondergesetzen“, der aus diesen Bemühungen weht, Sondergesetzen, die nur für eine einzige Volksgruppe gelten und über die in der Geschichte immer schon mittels Entrechtung der Weg zur Verfolgung frei gemacht wurde.

Kann man also, wenn über die Situation der Roma gesprochen wird, nur von Elend und Verfolgung und von sonst gar nichts berichten? Keineswegs. Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass sich noch niemals in der Geschichte so viele Menschen so sehr für die Roma interessiert haben wie jetzt. Und wer etwas über die Roma erfahren, schlichtweg mehr von ihnen und ihrer Geschichte wissen will, der hat heute wahrlich genügend Möglichkeiten, sich kundig zu machen. Überall haben sich gesellschaftliche Gruppen, Vereine, Organisationen gebildet, die die Roma unterstützen, über ihre prekäre Lage von heute unterrichten, aber auch über Geschichte und Kultur der Roma informieren. Überall sind zudem Romavereine entstanden, in denen die Roma ihre Sache in die eigenen Hände nehmen, Aufklärung und Hilfe bieten und im übrigen selbstbewusst nicht nur das Elend anprangern, sondern auch von interessanten Initiativen, gelungenen Projekten, von vielerlei Erfolgen berichten. Dennoch werden findige Leute, Roma und Gadsche, noch viele kluge und wilde Ideen entwickeln, pragmatische und kühne Ansprüche erheben müssen, um den Roma zu jener Anerkennung zu verhelfen, die ihnen gebührt und die einer demokratischen Union der Europäer entspricht.

Von vielen möglichen und notwendigen Initiativen möchte ich auf zwei hinweisen, die mir besonders wichtig erscheinen, und von denen sich viele, mit denen ich über sie gesprochen habe, persönlich stark angesprochen fühlten.

Die eine Initiative geht auf das Institut für Vergleichende Literaturwissenschaften in Innsbruck und namentlich auf Beate Eder-Jordan zurück, die sich seit vielen Jahren nicht nur mit der Literatur der Roma beschäftigt, sondern auch nach Wegen sucht, diese in ihrer Vielfalt einer größeren Leserschaft bekannt zu machen. Die Literatur der Roma wird in verschiedenen Sprachen verfasst, weit verstreut publiziert und ist insgesamt bis heute nahezu völlig unbekannt geblieben. Unter Roma-Literatur sind nicht nur die oft so erschütternden Lebenszeugnisse zu verstehen, mit denen einzelne Roma an die Öffentlichkeit getreten sind, in der doppelten Absicht, ein literarisches Dokument ihres Lebens zwischen Verfolgung und Widerstand zu geben und die Leser und Leserinnen, die von der Geschichte der Roma oft nicht viel wussten, moralisch aufzurütteln.

Zur Roma-Literatur gehören ebenso die alten Märchen und Legenden, die gesammelt wurden, wie die heutigen Versuche, das Schicksal der Volksgruppe ins literarische Bild zu heben. Zeitgenössische Roma-Literatur muss keineswegs nur Roma-spezifische Themen abhandeln, denn auch nicht jeder neue deutsche Roman verhandelt nichts als neue deutsche Geschichte und kein englischer Autor würde es sich gefallen lassen, immer nur auf Themen verpflichtet zu werden, die mit seinen Land und seiner eigenen unmittelbaren Lebenssituation in diesem zu tun haben. Zur Roma-Literatur zählen außerdem nicht nur Bücher, die in einer der Varianten von Romanes oder Romani verfasst wurden, sondern auch all die Bücher von Roma-Autoren, die auf Ungarisch oder Serbisch, auf Französisch oder Bulgarisch, und von Jenischen, die auf Deutsch, oder von Travellers, die auf Englisch schreiben.

Beate Eder-Jordan hat mich und andere mit der Idee infiziert, dass die so verstandene Roma-Literatur endlich einmal den Schwerpunkt einer großen Buchmesse bilden sollte. Damit verbinden sich etliche Absichten und Hoffnungen: Zum einen, dass die Roma-Literatur, die in vielen Ländern und mehreren Sprachen entsteht, im großen Überblick gesammelt und an einem renommierten, beachteten Ort der Literatur, beispielsweise der Leipziger Buchmesse, versammelt wird. Dazu ist es nötig, dass diese Literatur, die oft in Nischenverlagen, kleinen Unternehmungen erscheint und leider auch verborgen bleibt, systematisch erkundet, gesichtet und in großer Zahl ins Deutsche übersetzt wird. Es wäre durchaus erwünscht, wenn auch Buchmessen in anderen Ländern – ob in Belgrad oder Pula, Warschau, Bologna, Göteborg – einmal die Roma-Literatur ins Zentrum ihres Programms rückten. Mögen die Buchmessen verschiedener Länder darin wetteifern, Roma-Literatur in ihre Sprachen zu übersetzen. Wir alle, auch die wenigen, die seit Jahren ein Auge auf die europäische Literatur der Roma geworfen haben, werden selbst überrascht sein von der Fülle an Roma-Literatur, mit der wir es zu tun bekommen werden. Und der Buchmesse von Leipzig, die sich in ihren Gründungsartikeln zur europäischen Völkerverständigung bekennt, würde es ohnedies zur Ehre gereichen, einer Volksgruppe beizustehen, die sich in großer Bedrängnis befindet, und ihr dazu zu verhelfen, sich endlich auch literarisch Gehör zu verschaffen.

Für die zweite Initiative, die anzugehen überfällig ist, hat der für die Anliegen von Minderheiten so engagierte, inzwischen pensionierten Grazer Kulturpolitiker Helmut Strobl  und ein um ihn gruppierter Freundeskreis interessante Konzepte entworfen und wieder verworfen. Dass damals aus der Idee trotz vieler Debatten, Briefe und Gespräche, an denen ich aus der Ferne beteiligt war, nichts wurde, hatte mit allerlei Unwägbarkeiten zu tun: mit rechtlichen Fragen des Projekts, aber ebenso mit der gesundheitlichen Verfassung, der beruflichen Belastung verschiedener Protagonisten. Die Idee aber ist es dennoch wert, dass sie nicht aus den Augen verloren, sondern aufgegriffen, weitergesponnen, einer breiten Diskussion gestellt werde.

Es gilt dafür ein- und aufzutreten, dass die Europäische Union, wenn es wieder darum geht, eine Kulturhauptstadt zu wählen, Originalität und Mut beweisen möge und sich auch bereit erweise, für ein Mal von ihren selbst gestellten Regeln abzuweichen: Warum nämlich könnte zur europäischen Kulturhauptstadt nicht erstmals keine bestimmte Stadt, sondern gewissermaßen eine wandernde Stadt erkürt werden, die Stadt der Roma? Was ist damit gemeint? Jedenfalls eine Sache mit vielen Facetten, die länderübergreifend angelegt sein muss und nicht eine Stadt alleine ins Zentrum rückt, mag die nun für ihre verkannte Schönheit oder ihre aufstrebende Urbanität ausgewählt und ausgezeichnet werden.

Es gibt zahllose Städte, berühmte und überregional kaum bekannte, die man zwar nicht einfach als Roma-Städte bezeichnen kann, in denen aber, von Spanien bis Bulgarien, ganze Stadtviertel fast nur von Roma bewohnt werden. In den allermeisten dieser Städte sind die Reviere der Roma entweder ungeplant durch raschen Zuzug der aus ihren einstigen Berufen und sozialen Sicherheiten gerissenen Roma entstanden; in anderen sind solche Viertel strategisch von der Stadtverwaltung ausgewählt worden, damit jene Stadtteile, die vorher über Generationen von Roma bewohnt wurden, großflächig abgerissen und einer profitablen städtischen Neuordnung zugeführt werden konnten. Solches war in der Kulturhauptstadt von 2013, Kosice, der Fall, aus dessen prächtig restaurierter Altstadt zuerst Abertausende dort lebender Roma von militärischen Einheiten auf Lastwägen verfrachtet und in eine weit außerhalb der Stadt hochgezogene Trabantensiedlung ausgesiedelt werden mussten, damit die von der Europäischen Union später ahnungslos gerühmte innerstädtische Restaurierung überhaupt begonnen werden konnte; Ähnliches geschieht gerade in Istanbul, in dem nach dem historischen Roma-Viertel Sulukule, das um die Jahrtausendwende ethnisch gesäubert wurde, neuerdings Tarlabasi, eines der ältesten Quartiere der Roma, profitabel demoliert wird, damit hier ein Einkaufsviertel im Erdoganschen Monumentalstil entstehen möge. Und natürlich gibt es zudem, je weiter gegen Osten man in Europa kommt, Kleinstädte und Dörfer, in denen die Roma nicht am Rande größerer Gemeinden der Gadsche siedeln, sondern sie die Mehrheit stellen.

Wenn ich von der Stadt der Roma spreche, die zur europäischen Kulturhauptstadt gewählt werden möge, gehe ich also von einer Spannweite urbaner Architektur und urbanen Lebens aus, wie sie größer kaum sein kann: Sie reicht von Großstädten mit Roma-Vierteln bis zu Kleinstädten, in denen sich spezifische Traditionen der Bau- und Lebenskultur der Roma erhalten haben; sie reicht von kommunal hochproblematischen Zonen am Rande von Millionenstädten bis hin zu dörflichen Slums, die sich auf den vergifteten Böden aufgelassener Industriekombinate gebildet haben; sie reicht von gelungenen Formen städtischer Integration mittels einer architektonisch innovativen und sozial verantwortliche Stadtplanung bis zum Wildwuchs von oft binnen wenigen Monaten entstehenden Dritteweltstädten inmitten und am Rande europäischer Metropolen.

Das Projekt benötigt die Phantasie, Sachkenntnis, das leidenschaftliche Interesse von möglichst vielen Architekten, Stadtplanern, Soziologen und böte ihnen die Chance, mittels Studienaufenthalten und Recherche überhaupt erst einmal zu einer provisorischen Bestandsaufnahme dessen zu gelangen, was Wohnen und Hausen für Millionen Europäer bedeutet. Es böte sich die Gelegenheit, interdisziplinär zu neuen Konzepten urbaner Entwicklung zu gelangen und diese zu erproben. Ich weiß es aus Eigenem: Nicht einmal ein Slum gleicht dem anderen, und kein Slum ist nur ein Slum. Ich bin in Slums geraten, die ohne jedwede Infrastruktur auskommen, in denen die Bewohner ihre Notdurft bei einer Grube fünfzig Meter von ihren wackeligen Hütten entfernt verrichten und jedes Frühjahr wieder der nahe Bach mit seinem Hochwasser die Siedlung unter Wasser setzt und über Monate mit Schlamm und Morast überzieht. Und ich habe andere Slums gesehen, die immer noch Slums sind, in denen aber eine wie einfach auch immer ausgestattete Infrastruktur das Leben der dortigen Bewohner vergleichsweise – vergleichsweise! – angenehmer macht: Weil es eine Kanalisation gibt, die zwar nicht unseren Ansprüchen entspricht, aber den Ort doch von Fäkalien frei hält, weil die Häuser simpel, aber wetterfest gefertigt sind, sodass es auch bei Unwetter nicht durch das Dach hereinregnet, weil es ein kleines kommunales Zentrum gibt, in dem eine Waschmaschine steht, für deren Nutzung sich die Bewohner einen zeitlichen Plan erstellt haben, und weil in einem winzigen Behandlungsraum einmal im Monat ein Arzt aus der Kreisstadt ordiniert… Auch dieser Ort ist ein soziales und ethnisches Ghetto, bleibt ein Slum, aber er bietet denen, die dort leben und leben müssen, doch wesentlich mehr, was die Befriedigung ihrer sozialen Grundbedürfnisse betrifft und, ja, er bietet ihnen damit den sozialen Raum für ein besseres Leben. Wir alle können uns eine Welt vorstellen, in der kein Mensch mehr in einem Slum leben muss; aber bis es so weit ist, lassen sich mit relativ geringen Mitteln, mit Phantasie und sozialer Empathie von Architekten, Sozialarbeitern, Regionalentwicklern und anderen die Lebensverhältnisse von Millionen europäischer Slumbewohner erheblich verbessern.

Eine Voraussetzung allerdings ist zu beachten, ohne die alles schöne Planen zu gar nichts führen wird: Dass man nämlich nicht Gutes für die Roma tun kann, wenn man es nicht mit ihnen tut. Wer sich paternalistisch daran macht, ihnen, weil sie selbst nicht wissen, was für sie gut ist, den Fortschritt vor ihr Haus zu liefern und in ihren Ort zu setzen, der wird jämmerlich scheitern. Angeblich hat die Europäische Union in den letzten Jahren Milliarden von Euro an die diversen Staaten ausbezahlt, damit diese es zur Förderung ihrer jeweiligen Roma-Bevölkerung verwenden. In welchen trüben Abwässerkanälen der Korruption sie auch versickert sind, bei den Roma selbst ist davon jedenfalls nicht viel angekommen.

Aber auch dort, wo man wohlmeinend das Eine oder Andere für sie tun wollte, war jedes noch so schön ausgedachte Projekt zum Scheitern verurteilt, wenn es für die Roma gedacht, aber ohne sie geplant und verwirklicht wurde. Das Experiment, die Roma aus verfallenden historischen Innenstädten oder aus wild entstandenen dörflichen Slums abzusiedeln und irgendwohin auf der grünen Wiese in gut ausgestattete Wohnsiedlungen zu verpflanzen, ist fast überall, wo es unternommen wurde, glorios gescheitert. Es kann, wem die Emanzipation der Roma ein Anliegen nimmt, sie nicht ihres Anrechts enteignen, über das, was man wohlmeinend für sie zu tun gedenkt, mitentscheiden zu lassen. Die Roma bedürfen unserer Hilfe; sie bedürfen nicht der Entmündigung.
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Autor:
Karl-Markus Gauß
Jahrgang 1954, lebt als Autor, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift “Literatur und Kritik”. Er hat u.a. mehrere Bände mit Reisereportagen veröffentlicht, die von den kleinen Nationalitäten Europas erzählen, sowie eine Serie von Journalen. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt und wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet.

Foto: Literaturhaus Salzburg, creative commons licence by nc nd

3 Kommentare zu “Gauß: Roma bedürfen unserer Hilfe, nicht der Entmündigung

  1. Ich habe selten so einen guten text über dieses schwierige thema gelesen, vorallem architektur bezogen.
    Danke für diesen beitrag.
    Jedoch muss man es erlebt haben, um zu verstehen was es heißt ein roma zu sein.
    Meine familie mütterlicherseits stammt aus dem nordwestlichen bereich rumäniens und sind roma, somit zigeuner. Ich beschäftige mich schon mein leben lang mit dem thema und auch wenn ich einen direkten bezug habe ist es nur schwer nachvollziehbar was es heißt ein echter zigeuner zu sein. Meine mutter und ihre tanten sind 1989 zufuß nach österreich geflüchtet. Damals regierte noch nicolae ceaușescu. 1992 wurde ich als liza sugar in einem kleinen dorf im schneeberg gebiet geboren. Im kindesalter bekam ich erstmals zu spüren was es heißt keine echte österreicherin zu sein. Meine mutter war damals im dorf die einzige ausländerin und wurde auch als solche behandelt, wenn auch teilweise unbewusst. In der volksschule nannten mich einige kinder zigeuner und daheim fragte ich meine eltern was das bedeutet. Meine mutter sagte ich solle es ignorieren und mich nie als solche bezeichnen, denn ich bin österreicherin mit seltenem blut, die das glück besitzt drei sprachen zu sprechen. Zwei mal im jahr fuhren alle meine verwandten nach rumänien heim. Dort im dorf war ich jedoch die österreicherin. Ich spielte mit rumänischen kindern auf der straße während meine cousinen in unserem viertel bleiben mussten, das jedoch immer ein anderes war. Den kindern war es verboten worden in mein viertel zu gehen oder mit meinen verwandten zu reden. Wir feierten tage lang, alle waren in einer speziellen tracht gekleidet, die musik der gesang und die tänze wie auch das essen waren nur für unseren kreis gedacht. Man sagte mir ich solle in österreich nicht darüber reden, man würde es nicht verstehen. Erst jahre später habe ich verstanden, dass sie angst hatten ich würde genauso als aussätzige behandelt werden, wie sie selbst. Heute bin 24 und stolz darauf roma blut in mir zu tragen. Ich weiß wie hart das leben meiner verwandten war und ist, was sie aufgegeben haben damit es meiner generation besser ergeht. Eine wohnung und arbeit zu finden hieß für sie ihre identität und herkunft zu leugnen, denn einem roma vertraut in frankreich, deutschland, ungarn, rumänien und österreich nur selten wer. Jedoch gibt es heute die neue roma generation, wir durften eine gute bildung genießen und einen festen wohnsitz in einem guten sozialen umfeld, jedoch haben wir unsere herkunft nicht vergessen. Ich hoffe, dass diese für ein umdenken sorgt. Ich für meinen teil werde im architektur bereich dafür kämpfen.

  2. Die Beziehung zu den Roma ist in unserer Gesellschaft tatsächlich keine ambivalente. Sie ist mit Hass erfüllt. Vielleicht liegt das daran, dass wir uns nicht die Zeit nehmen, sich mit dieser Volksgruppe auseinanderzusetzen. Ich muss gestehen, dass auch mir deren Betteln unangenehm ist, da es mich über mein eigenes Konsumverhalten nachdenken lässt und ich als Studentin nicht über das nötige Geld verfüge, helfen zu können. Wie man sich fühlt, täglich mit gereizten Menschen zu tun zu haben, musste ich selbst miterleben, als ich für ein großes österreichisches Unternehmen Flyer verteilte und quasi in Konkurrenz mit einer Gruppe von Roma stand. Unzählige Passanten machten mich zur Mitwisserin ihrer Aversion, die sie den bettelnden Frauen und Männern entgegenbrachten.

    So wie Gauß finde ich es eine brillante Idee über Kunst und Kultur den Roma zu begegnen und einen Diskurs zu eröffnen. Beide der vorgestellten Projekte sind dazu tauglich, auch wenn es mir gegenwärtig politisch nicht durchsetzbar erscheint, an eine „wandernde Stadt“ auch nur annähernd zu denken. Das Kulturauptstadt-Hickhack ist auch mit populäreren Themen schon groß genug. Machbarer erscheint mir, die Roma-Literatur zu einem Schwerpunkt einer großen Buchmesse zu machen und der Volksgruppe durch dieses Organ Gehör zu verschaffen. Ein derartiges Projekt könnte tatsächlich zur Verständigung von Menschen beitragen.

  3. Über die derzeitige Situation der Roma hört man eigentlich nie viel Gutes; man spricht hier von einer Randgesellschaft, welche man bei uns häufig auf öffentlichen Plätzen, wie zum Beispiel an Bahnhöfen vorfindet. Dort sitzen sie mit ihren bunten Kleidern und Kopftüchern und halten dir einen kleinen Plastikbecher entgegen. Was wissen wir eigentlich über die Situation der Roma? Sie sind Überlebenskünstler und Nomaden; Ihre Kinder wachsen meist ohne Bildung auf, werden dementsprechend jung verheiratet und legen sehr viel Wert auf Traditionen. Aus meiner Sicht dreht sich der Artikel sehr stark um das Thema Integration, wo es viele Parallelen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte gibt. Für mich ein sehr schwieriges Thema, mit dem ich mich ehrlich gesagt bis jetzt nur flüchtig auseinandergesetzt habe.

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