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Stadt-Raum: Was ist das heute?

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Ein Software-Update von 0.9 auf 4.0

maxRIEDER – Im Konglomerat von StadtArchitekturLandschaftRaumGestaltungsprozesse versuche ich, das minimal Gemeinsame des städtischen öffentlichen Raumes nachzuweisen und hoffe auf radikale Erkenntnisse Ihrerseits.

Man könnte dieses Konglomerat – dieses Gemenge/Gemisch – der Einfachheit halber in seine Einzelbestandteile zerlegen, doch gerade das führt uns, wie ich Ihnen heute zu vermitteln versuche, noch tiefer in die Krise des europäischen Stadtraumes, der derzeit weiter zerlegt wird. Das zusammenhängende, wechselbezügliche Denken soll eingefordert werden, und damit sowohl Ökonomen als auch Juristen etwas mitnehmen können, geht es indirekt um die Frage, welche Art von Rendite und Regeldichte die Stadt eigentlich abwerfen soll.

Die Quintessenz des Festvortrages liegt im Hinweis auf eine anthropomorphe Kondition: gehen oder flüchten.

1000 Schritte sind zumindest 500 m.

Da heute Raum nicht mehr ohne eine Zeitvorstellung und Zeitspanne erfahrbar ist, darf ich Ihre innere Uhr kalibrieren:

1000 Schritte Zeit sind etwa 10 Minuten Raum.

Zuerst eine Imagination: Durchqueren Sie in Ihrer Vorstellung die Wiener Innenstadt vom Rochusmarkt/Landstraße, also von etwas weiter draußen als Wien-Mitte kommend, bis zum sogenannten NIG/Institutsgebäude der Universität Wien bei der Votivkirche. Und jetzt das Unvermeidliche: Schließen Sie bitte die Augen und fragen Sie sich, ob Sie bereit wären, jeden Tag und freiwillig zwanzig Minuten diesen öffentlichen Raum „gratis“ nutzen zu wollen. Nennen wir diesen walk „Kleinstadtkurs“. Im Alltag würden Sie als Fußgänger des Öfteren dem möglichen Luxus und seinen Verführungen ausweichen und die „cittá del minore“, die „Stadt des alltäglich Kleinen“, die Schleichwege langsam entdecken und ihnen immer mehr abgewinnen können.

So, welche Erkenntnisse bringt das?

Vergleichen Sie: Haben Sie dort, wo Sie jetzt wohnen, eine halbwegs vergleichbare Vielfalt von Stadtraum, Nutzungen und möglichen Ereignissen wie bei diesem Kleinstadt-walk? Wenn Sie sich diese gut 2000 m von Ihrem Wohnort entfernen, was würden Sie erreichen, welche Privilegien stünden Ihnen zu? Erreichen Sie privilegiert eine Landwirtschaft, privilegiert ein Fachmarktzentrum, privilegiert einen Stadtpark, privilegiert einen Hochleistungsverkehrsknoten, privilegiert ein Schrebergartenareal oder Cottageviertel? Höchstwahrscheinlich erfahren Sie – wie die meisten von uns – eine lose Abfolge von Wohnsiedlungen, Wohnhöfen, Verkehrskorridoren, Lärmschutzwänden, monotonen langen Fronten, Sequenzen entlang von Vorgärten, Müll-, Abstell- oder bestenfalls Fahrradräumen, dies alles dem offenen, windigen Raum der modernen Stadtentwicklung ausgesetzt. Das Nebeneinander von grünen Höfen, Wohnbauten, grünen Höfen, Bauwerken, Parkplatzflächen, Einfamilienhaussiedlungen, Kurzparkzonen, Bauwerken, grünen Höfen, Parkplatzflächen, Bauwerken, Vorgärten, Kurzparkzonen usw. werde ich hingegen in der Folge als die Stadt 2.0 – die moderne Stadt – bezeichnen.

Ich möchte Sie anregen, im Geist noch eine Raumfolge aufzurufen. Wien weist – von der Ringstraße auslaufend – viele außergewöhnliche Radialstraßen auf. Am Beispiel der Praterstraße erspüren wir deren gegenwärtige und historische Integrationsleistung mit ihren subtilen Raumnischen und Raumkanten für den Fußläufigen, den eiligeren Radfahrer und den Transitverkehr. Ihre Fortführung zur überregionalen Adresse, also bis zum europäischen Fluss, ja über (den) „Mexiko“ (-platz) hinaus – die Lassallestraße – eignet sich nur zum Eintauchen in die U1-Praterstern, zum Durchtauchen und bei der U1-UNO-City zum Wiederauftauchen. Das Schrumpfen oder die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Raumes in der Lassallestraße entspricht auch ihrer Gestaltungshaltung und Strukturorganisation; so meiden wir den Stadtraum der Lassallestraße, weil dieser uns weder sinnvolle Zeit noch Ereignispotentiale mit Bauwerken, Topographien oder Menschen anbietet.

Das zeigt den Wechselbezug von simplem Straßenraum und freiwilliger Nutzung auf.

Wenn wir uns darüber einigen, dass Stadt ein lebendiger, sich ständiger verändernder Organismus ist, dann dürfen wir nach dem Anbot dieses Stadtorganismus an den anderen primären Organismus, nämlich unseren Körper und seine körperlichen Bewegungsanreize, fragen. Die Antwort ist eine traurige.

Der „öffentliche Stadt-Raum“ hat derzeit keine Perspektive.

Diese Perspektivlosigkeit entsteht nicht zufällig, sondern bewusst und höchst strategisch, denn wer soll im Neoliberalismus dafür Verantwortung übernehmen? Natürlich gibt es Gedrucktes, formalrechtlich Kondensiertes wie STEP’s, REK’s und ÖROKO’s – eine Art gemeinderätlich kontrollierter, aber letztendlich in ganz Europa beliebig austauschbarer, kopierter Fortschreibungen der gegebenen Stadtwerdung. Zwar wird diese immer etwas besser als die Vorläuferausgabe; dies allerdings bei gleichzeitiger Potenzierung des Diffusen und Erhöhung der Selbstbeschränkung in puncto Handlungsfähigkeit und Freiheitsgrad.

Der manifeste Ausdruck dieser Perspektivlosigkeit dokumentiert sich darin, dass die öffentliche Hand viele der sozialen und infrastrukturellen Aufgaben an Private und öffentlich geschaffene Scheinprivate (im Einfluss der Politik) vergibt. Die budgetären, aber auch fachlichen und personellen Ressourcen werden ausgelagert. Wir haben eine Kaste der Unberührbaren geschaffen – das Expertentum: Die Wohnbau-, die Verkehrs-, die Umweltverträglichkeits-, die Radfahr-, die Freiraum-, die Baurechts-, die Immobilienstandort-, die Sozial-, die Finanzierungs-, die Kommunikations-, die Infrastruktur- und die Raumexperten – sie alle leisten höchste Qualität in ihrem Spezialfeld; aber was leisten sie synergetisch für einen gemeinsamen humanen Stadtraum?
Was ist deren Perspektive? Ich fürchte: Parallelwelten.
Wie kam es dazu?

Es folgt nun eine verkürzte Erzählung des Wandels von der Stadt 0.9 zur zukünftigen Stadt 4.0, um die oben erwähnte Beziehung des Stadtraums zum Fußgänger/Geher verständlich zu machen.

Die Stadt 0.9 – so wollen wir anfangen – werden wir die handwerkliche Stadt nennen. Diese kannte überwiegend ko-existentielle Räume. Temporär aneigenbare Stadträume befanden sich im Konsens von Passanten, Nutzern und Eigentümern in einem fluktuierenden, verwaltungsfreien Hybridzustand. Eine Art kreatives Chaos, vergleichbar mit den Slums und Übergangsräumen der Welt, wo Wasser holen, arbeiten, lagern, handeln, bewegen, informieren, feiern und auch anprangern gleichzeitig und nebeneinander stattfanden.

In der „Erstausgabe“ der Stadt – der Stadt 1.0 – fanden durch technologische Innovationen Elektrizität und Mechanik Eingang in die Gesellschaft und eröffneten eine progressive Stadterweiterung der einstigen Gründungskerne. Die mögliche Lohnarbeit löste einen Zustrom der Landbevölkerung aus. Infolge räumlicher Beengtheit wurden Feuerordnungen sowie Bauordnungen strenger definiert; die sogenannte Wilhelminische Stadt oder Gründerzeitstadt war geboren. Nutzungsdichte und Unmittelbarkeit der Nutzungsvielfalt vieler alltäglicher Notwendigkeiten prägten diese Entwicklung. Arbeit und Wohnen, Produzieren und Verbrauchen standen in fußläufig erreichbarer Beziehung zueinander.

Die moderne Stadt 2.0 der Massenfertigung und Standardisierung kam als Nächstes – sie wurde vor allem erst einmal proklamiert. Die Moderne machte den überkommenen engen Stadtraumstrukturen und der körperbezogenen Fortbewegung zu Fuß und zu Pferd ein Ende. Dies erfolgte unter dem Vorwand der Befreiung von den untragbaren hygienischen Zuständen der Erstausgabe der Stadt. Die funktionelle, den rationalen Wissenschaften unterworfene Produktion von Baukörpern – sogenannte Solitäre, also allein stehende Bauwerke – ersetzten das Ensemble aus Stadtkörpern.

Diese allein oder in freier Komposition stehenden Baukörper sind der bildhafte Ausdruck der Emanzipation des einzelnen Individuums gegenüber der gesellschaftlichen Masse. Der Stadtraum wurde offen, d.h. grenzenlos und kontinuierlich fließend. Die Befreiung vom Korsett der alten, kompakten und gebundenen Stadt wurde als Fortschritt gefeiert.

Dies ging einher mit der Zerlegung und Auflösung der Mischnutzung hin zu einer eindeutig fixierten Funktion der Baukörper und einer Zonierung mit Widmungen der verschiedenen Gebiete. So entstand die räumlich-funktional gegliederte Stadt. Jedes Areal, jede Fläche war fortan durch Raumordnung wie Flächenwidmung eindeutig festgelegt. Wohnnutzung bedeutete Nur-Wohnen; daneben gab es Nutzungen der Industrieproduktion, Verwaltungs- und Büroarbeit oder Freizeitnutzung; Sondernutzungen wie Krankenhaus, Altersheim, Schulen und Kultureinrichtungen erlaubten auch immer nur das ausschließlich funktionell Zugeordnete.

Aus der einst befreienden Bewegung der Stadt 2.0 erwuchs also die alltägliche Zwangsbewegung des Hin und Her, die erforderlich war, um die voneinander getrennten Funktionsareale zu erreichen. Der ursprünglich mannigfaltig genutzte öffentliche Raum der Stadt – der Stadttraum – wurde im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte durch Modernität und Leistungssteigerung einseitig optimiert. Aus diesen eindimensionalen Entwicklungen ergaben sich Ausprägungen wie Hochleistungsstraße, Fußgängerzone, Wohnstraße mit Kurzparkzone, Spielstraße mit öffentlichem Verkehr oder Schnellradweg.

Das erwähnte Netz der Zwangsbewegungen ist der „Kitt“ dieser fragmentierten Hochleistungszonen, welches wir absurderweise nach wie vor als „Stadt“ bezeichnen, obwohl es das Sinnbild des Inhumanen und 0%iger Nachhaltigkeit darstellt.

Wir stecken tief in der Krise der Moderne; manche sagen dazu bereits Nachmoderne, Transmoderne. Andere meinen, wir hätten die Moderne noch gar nicht erreicht (z.B. Bruno Latour). Dies betrifft vor allem unsere „Stadtproduktion“ – im Konkreten den gemeinsamen Raum oder jene Bausteine, die diesen ermöglichen sollen.

Dies ist zuerst mal keine Frage der Ästhetik, sondern vor allem einer alltäglichen, erträglichen Struktur. Wir denken nicht über den Alltag nach, sondern nur darüber, wie wir den Alltag „transportieren“ können. Wir denken nur über spezielle Segmente des Alltags nach, jedoch nicht darüber, wie diese miteinander für den Menschen ohne aufwendige Hilfsmittel in Beziehung stehen könnten.

Selbst in der bestbeleumundeten, hoch verwissenschaftlichten medizinischen und pharmazeutischen Forschung wurde bereits erkannt, dass zumindest irgendjemand den Überblick über die Wechselwirkungen der Therapien und Medikamente – eben eine Sichtweise der ganzheitlichen Medizin und möglicher vorbeugender Maßnahmen – wahren muss. Übertragen auf die Stadtwerdung haben wir keinen „Allgemeinmediziner/Generalisten“ mehr, der den Überblick und die übergeordnete Perspektive hat. Die Spezialisten haben das Sagen.

Das kleinste Gemeinsame ist Bewegungszeit.
Wir sind also in einer Raumüberflussgesellschaft angelangt. Die Zwischenstadt produziert immense Raumweiten und bekämpft diese mit zeitraubenden Bewegungsflüssen.

So wird jeder Baustein dieser Stadt für sich – also selbstbezogen – optimiert: Optimierte Beleuchtung, optimierte Müllabfuhr, optimierte Feuerwehrzufahrt, optimierte Nutzung usw. beweisen das. Es gab ja unzählige Leitbilder aus der Vergangenheit. Die soziale Stadt wie auch die fußläufige Stadt wurden ausgerufen. Absurderweise wurden diese Leitbilder grenzwertig ausgeschöpft, pervertiert und optimiert. Die fußläufige Stadt meinte Fußgängerzone und somit Einkaufszone und produzierte gleichzeitig ein Parkplatzproblem und die Verhinderung des Koexistenziellen.

Wir sind gegenwärtig in der Stadt 3.0 – die Stadt der Beteiligungen, der Teilhabe und der Kooperationsprozesse – angelangt. Es ist die Charity-City: Liebe BürgerInnen, helft uns!

Natürlich ist top-down ein Auslaufmodell. Aber haben wir die Fitness für bottom-up, haben wir die Vorbereitungen für diesen bejahenden Wandel getroffen, die nötigen Informationen gesammelt, die Implikationen bedacht? Was kommt von diesen Frust- und Wutbürgern außer: „Grün, Grün!“, „Ruhe, Ruhe!“ und „Woanders, bitte!“? Man muss also sehr vorsichtig sein, dass Partizipation nicht zu einer Schimäre, einer Scheinveranstaltung oder Totalverweigerung der immanenten Veränderung der Stadt als lebendiger Organismus mutiert. Wer übernimmt hier die Rolle der Aufklärung für den verlorenen gemeinsamen Stadtraum? Das Wunschergebnis der BürgerInnen ist bekannt: Gartenstadt mit U-Bahnund IV-Anschluss für jede Parzelle.

In der Stadt 3.0 wird das Zwischenstadterbe mit den digitalen Technologien der Ortslosigkeit und Permanenz fortgeschrieben, unter den Bedingungen des Globalisierungsdrucks, und der Zustand des Weltklimas lähmt die erforderlichen Veränderungen.

Wohlstand sichert sich vermehrt durch Haftungsansprüche ab und nimmt direkt proportional mit dem Abnehmen von Selbstverantwortung zu. Das Versicherungswesen etabliert das Rechtswesen und die allumfassende Normierung.

Die alte Kernstadt wird zum bloßen marketingorientierten Produkt und tritt als Unternehmerin auf. Die flächig überwiegende Zwischenstadt muss infolge ihrer strukturellen Insuffizienz unternehmerisch, d.h. betriebswirtschaftlich durch die Hochleistungsaltstädte kompensiert werden. Wer klärt auf, wer sagt uns, welche Rendite die Parkbank, der Park, die Schule, der Radweg oder das Wien Museum abwirft oder wann es sich amortisiert haben soll? Von einer Arkade, einer Loggia ganz zu schweigen. Das Trottoir, der Gehsteig wird nur mehr im Hinblick auf eine Schanigartenpacht öffentlich vorfinanziert. Das Nachverdichten und Umbauen der Zwischenstadt zu einer Kernstadt führt zu massiven Bürgerprotesten.

Holistisch gesprochen müssen wir uns vom isolierten Monofunktionalen und dem Altstadt-Hype trennen, wir müssen Mischnutzungen und viele „neue Altstädte“ inmitten der Zwischenstadt denken, planen und errichten.
Was steht dagegen? Wie kann es ausschauen?

Ich verweise nicht auf Prinz Charles, die Brüder Krier, die New-Urbanist-Bewegung von Peter Calthorpe, auf Duani Plater-Zyberk oder die 100%ige Stadt der Kölner Erklärung; nein, was ich meine, ist die Perspektive vieler Mitspieler, die in kleinen Chargen Stadtwerdung umsetzen, denn damit weicht Bigness der Smallness in Parzellen- und Nutzungsdimension, und der Stadt-Raum wird zwangsläufig vielfältig. Vielfältigkeit ist eine Bedingung für Nachhaltigkeit (vgl. Biodiversität), und dann entsteht die Zumutbarkeit, den Stadt-Raum zu benutzen und zu bespielen.

Als ich um 2000 die Aussage „Die Stadt kann nur kooperativ gedacht, geplant und umgesetzt werden“ tätigte, war die Hoffnung auf gegenseitige Fairness und Offenheit groß. Die Frage, auf welcher Ebene und auf welchem Niveau und mit wem wir kooperieren wollen, sollten wir ehrlich beantworten.

Wer ist bereit, neue Wege zu gehen und nicht seine internen Kalkulationen dem Schein nach zu verhandeln? Um den Missbrauch des Kooperativen zu vermeiden, bedarf es hoher Sensibilität. Richard Senneth hat dies in seinem Buch „Zusammenarbeit“ beschrieben.

Welche Kompensationsleistung und welchen Mehrwert erbringt der Private, weil er von der öffentlichen Hand vernachlässigt wurde?

Diese Zeitreise möchte ich mit der drohenden Zukunft – der Stadt 4.0 oder der „Möglichkeitsstadt“ – abschließen. In dieser Stadt 4.0 ist der Mensch, so wie wir ihn kennen, nur noch ein „Möglichkeitswesen“.

Der Bedeutungsverlust des realen, physischen Raumes ist vollzogen; im Wesentlichen werden wir mit eingeblendeten virtuellen Räumen unseren Alltag wahrnehmen. In Datacity können wir alles simulieren, weg- oder einblenden – das Leben ist freigeräumt vom Widerstand des Raumes, des Milieus und vor allem von den nächsten Körpern. Der Raum muss nicht mehr gepflegt und gestaltet werden. Einst lautete der Slogan „Stadt macht frei“; zukünftig eben „raumfrei“. Nein, nicht ein Technikskeptizismus soll hier aufkommen, sondern die Frage nach den sinnvollen Modifikationen für den menschlichen Alltag.

Stadt ist jetzt endlich ein privates Unternehmen.

Abschließend möchte ich auf zwei existentielle Übereinkünfte des Lebens eingehen: das Wohnen und implizit das Arbeiten. Beides wird sich in der aufkommenden Wissensstadt hybridisieren bzw. wird es verschmelzen.

Wien hat eine singuläre Position und Anerkenntis in der Wohnbauwelt. Ob das WWW (WienerWohnWesen) mit seinen fünf Säulen des aktuellen „Bauträgerförderungsverfahrensmodus“ („korinthisch-ionisch-dorisch, eine ägyptische und eine modern-hybride“) ausschließlich die Nachhaltigkeitsansprüche abdecken kann, ist mehr als fraglich, ja eher schon frevelhaft. Einerlei, ob durch die fünf Druckelemente architektonische, ökonomische, ökologische, soziale und nachhaltige Kriterien beachtet und technoide Smartsmart’sche Typen realisiert werden – das ist ziemlich unerheblich bzw. total am Thema der nachhaltigen Stadt vorbei. Es fehlt zumindest das Zugelement der Verbindung zwischen den optimierten einzelnen Baukörpern. Der Wohnbau blendet lebendige, alltägliche Stadt komplett aus, unabhängig ob Eigentum oder Miete; die Nutzungskonzentration zerstört seit Jahrzehnten die europäische Stadtidee. Dies ist vollkommen unabhängig von den höchst anspruchsvollen Kriterien des öffentlichen Wohnbaus. Verzeihung, aber der WohnungsSiedlungsbau ist der Krebs der Stadt: Er untergräbt die mischgenutzte, lebendige Stadt total.

Lassen wir uns darüber nachdenken, wie wir dieses gutgemeinte Engagement, welches im Magistratswesen und im Immobilienwesen manifest wird, neu verknüpfen, fokussieren und aufmischen können.

Vier Maßnahmen könnten dem WWWWW (WienerWohnWesenWorldWide) einen neuen Impuls geben und Wien eine weitere Führungsrolle eröffnen:

1. Das Erdgeschoss der Stadt und dessen Appendices werden mit einem Wohnveto belegt und für Mischnutzungen verbindlich verfügbar gemacht.

2. Ein alternatives Wohnungsprodukt für temporär zumutbares Kurzzeitwohnen (maximal für fünf Jahre) wird geschaffen, eine Art Start- und Ansparhilfe wie das einstige Low-budget- Substandardwohnen.

3. Wohnen und Arbeiten gehen eine fluktuierende Beziehung ein.

4. Die Vergabegrößen – die Bauwerksstücke – werden wesentlich kleiner.

Das Erfolgsmodell der existierenden und weltweit wertgeschätzten alten Vorkriegsstadt muss als strukturell vielfältiger Pate für unsere wachsende Stadt und umzubauende Zwischenstadt stehen. Wir müssen viele neue Altstädte entwickeln, anstatt die Stadt mit exzellenter, nachhaltiger oder überwiegender einfältiger Wohnbauarchitektur weiter zu zersiedeln.

Erste Ansätze zu dieser Zukunftsperspektive können wir vage identifizieren: in der AspernTEICHstadt.

Trotz engagierter Architektur und Freiraumgestaltung ist der Straßenraum und die Gesamtkonzeption noch immer im Banne der antiquierten modernen Doktrin den Experten überlassen worden. Die zukunftsweisenden Stadträume Asperns finden Sie in der Gestalt der Binnen-/Hofräume.

Einen fundamentalen Schritt konnte man allerdings bei der noch laufenden Entwicklung um den Hauptbahnhof Wien machen – im Falle des sogenannten Quartiers „Leben am Helmut-Zilk-Park“. In Kooperation mit den ÖBB, der Stadt und dem Bezirk entsteht hier ein lebendiger, gemischter Stadtteil, der neue Formen und Teilhabestrukturen im Alltag, die Trinität „Arbeiten-Wohnen-Plus“ und somit ein re-aktives Zukunftsmodell der Stadtentwicklung aufzeigt. Über einen öffentlichen Aufruf wurde unter anderem nach Nutzungskonzepten des Stadtterrains gesucht. Die Vielfalt der Anträge und die hohe Nachfrage der Antragsteller – Bauträger, Genossenschaften und freie Gruppen – zeigte die Bereitschaft des „Marktes“ auf, mit neuen Verfahren und Verfahrensinhalten einen Beitrag zur Stadtentwicklung mit Rendite zu leisten.

Wien holt auf.

Eine „neue Altstadt“ mit Mischnutzung wurde seit 2004 im Stadtwerkareal nunmehr fertiggestellt. Ebenso beispielhaft ist der Anspruch der Stadt Innsbruck, die Ressource Fläche mit möglichen Höhenentwicklungen durch einen fiktiven wie kontextuellen „Urbanissima“-Typus (Hochhausstudie 2002) zu optimieren, der bei privaten Investoren in Kooperation mit der öffentlicher Hand Kreativität auszulösen vermag.

Manche vorausschauenden Wohnbauproduzenten sehen das auch, dürfen aber im erstarrten, unveränderbar erscheinenden Korsett der Wohnbauförderungen, des Wohnfonds, der Revisionsverbände und sonstigen Institutionen nichts ändern.

Ja, selbst im „Brand eins“-Magazin (Oktober 2015) der deutschen Marketing- und Betriebswirtschaftswelt wurden obige Forderungen implizit veröffentlicht. Es gibt also potente Mitstreiter, die den reinen Wohnbau in Richtung integrale Stadt weiterentwickeln, revisionieren wollen.

Der Höhepunkt momentaner selbstbeschränkender Kreativität in Richtung gesamtheitliches Denken konkretisiert sich dort, wo Städte wie Wien gezwungen sind, kulturelle, soziale und technische Infrastrukturen wie Schulen, öffentliche Stadträume und Museen durch Public-Privat-Partnership- Modelle zu finanzieren und von Architekten nur noch Teilplanungsleistungen einzufordern; somit werden sie sich der Bau- und Finanzlobby langfristig und teuer ausliefern.

Zu guter Letzt der freie Raum der Stadt, das Nutzlose per se.

Ein bemerkenswerter Aspekt des Öffentlichen wird im Begriff Freiraum manifest. Der anregendste Freiraum für eine nicht komplett vertrottelte Gesellschaft ist der nicht gestaltete, temporär aneigenbare Raum.

Die Leer-Räume sind die unanimierten Spielräume, und sinnbildlich sind sie die latenten Rehab- Center der Stadt.

Nur: Wo finden wir diese?

Es bedarf also einer konzeptuellen Perspektive und gewissenhafter Aufklärung, was ein Park und/oder ein Freiraum gemeinsam haben oder was sie substantiell voneinander unterscheidet. Auch hier spielen Expertenmeinungen mit ihren starren Rechtswidmungen und Definitionen, ob Park, Grünfläche, Spielplatz, Sportplatz oder Wald, eine gewichtige Selbstläuferrolle, die der spielerischen, spontanen Aneignungen durch die Bevölkerung zuwiderläuft. Die Verwaltungsbetrauten dieser Freiräume geben auch gleich die rechtskonforme Nutzung der „freien“ Freizeitmöglichkeiten vor. Leer- oder Freiräume, also undefiniert offene Nutzungsräume, früher „Gstättn“ genannt, gibt es deshalb überhaupt nicht mehr. Wir haben kein Rehab-Center „Gstättn“ mehr, unsere Rehab ist im touristischen All-inclusiveout- of-Europe angesiedelt.

Wir brauchen also immensen Mut, inmitten der Stadt etwas scheinbar Nutzloses, extensiv Betreutes zuzulassen. Diesen Mut sollten wir bei der Entwicklung des Nordbahnhofareals unterstützen, wo eben diese „freie Mitte“ als Identifikation eines Quartiers vorgeschlagen wurde.

Der Mensch ist doch das Maß aller Dinge. Wir haben offensichtlich nur ein Menschenrecht auf Wohnen und Arbeiten. Aber wir haben kein Menschenrecht auf Stadt-Raum, das bedeutendste zivilisatorische Menschenwerk.

Wer könnte heute ein Stadtexperte sein? Einerseits alle, weil das positive und negative Anschauungsmaterial seit langem vorliegt. Warum gehen wir freiwillig durch die Wiener Josefstadt, durch das Brunnenmarktviertel, mittlerweile auch durch das Karmeliterviertel, aber nie freiwillig durch die Erzherzog-Karl-Straße? Kein Stadtkultur-Tourist oder Stadtflaneur verirrt sich dahin.

Eine der Ursachen liegt auch darin, dass die Stadtwerdung nur mehr Dienstleistungsexperten und keine ArchitektInnen mehr involvieren will. Dienstleister erfüllen Bestellungen. ArchitektInnen sind noch generalistisch und querdenkend, nachfragend und reflektierend ausgebildet und bereit, sich für eine anonyme Öffentlichkeit und Alltäglichkeit einzusetzen. Architekten sind unbeliebt, weil sie als Störenfriede im strategischen Konzept der Privatisierung und Vermarktung des Öffentlichen auftreten. Man will die Architekten als Dienstleister marginalisieren, sie von den wechselbezüglichen Entscheidungen der Stadtwerdung abziehen und als bloße Dekorierer der Bauvolumina benutzen.

Meine persönliche Erkenntnis lautet: „Stadt ist dort, wo ich in unmittelbarer Nähe meinen Alltag fast als Luxus empfinde und kein Urlaubsanspruch aufkommt.“ Aus so einem Ideal leite ich seit langem mein Credo „Stadt ist ein soziales Kunstwerk, Architektur eine soziale Kunst“ ab.

Also für die täglichen freudigen 2 x 2000 Schritte im zukünftigen Stadtraum – die WHO empfiehlt ohnedies, mindestens 10.000 Schritte täglich als Gesundsheitprophylaxe zu tätigen – und in der Hoffnung, Ihre Kreativität mobilisiert zu haben, danke!

L1060625

______________
Festvortrag TURNON-Architekturfestival 2016
von
maxRIEDER by sepp dreissinger2009maxRIEDER
maxRIEDER.at
u.a. Architekt, Urbanist,
Initiator des kollektiven Onlineblogs http://www.kooperativerraum.at und des
Symposiums Zukunft:Mittelstadt.
Er lehrt an mehreren Universitäten in Österreich.

2 Kommentare zu “Stadt-Raum: Was ist das heute?

  1. During the forties and fifties, the Modernist movement became established and gradually lost its power: the 2.0 city became institutionalised and lost from its innovation. The great era of narrations and utopias was over, and Post-Modernism started to install itself as an alternative in the understanding of the city.
    Collage City, from Colin Rowe, was published in 1978, and tries to reconcile a radical Modernist approach of urbanism with the traditionalist heritage. Rowe is also describing a loss of great utopias, and the appearance of a hyper rationality that encloses the architectural and urbanist debate.
    I believe that we already are in the 4.0 city, mainly composed of instantaneously accessible information, definitely cutting the fiction to evolve toward a factual-only generation. Specialists are indeed determining free spaces in the city with an established library of answers. Architects in this paradigm are working with sculptural qualities, providing spontaneous factual feelings. But they also have a position of intellectuals, and researchers, bringing expertises.
    Tschumi’s advertising for architecture are dealing with the importance of the event as the main element of space. Architects are now dealing with the narrations inside space more than its shape composition. Understanding space through its uses is the architect’s specialty. Digital tools are helping in the conceptualisation of these new problematics: the 4.0 city is dematerialised, and architecture is following the same path. Towards which practices are these new paradigms leading?

  2. Ich würde gerne etwas zur sogenannten „Freien Mitte“ hinzufügen. Diese Flächen auch Ruderalflächen sehe ich als eine ganz besondere Möglichkeit Stadtentwicklung „Nachhaltig“ zudenken. Diese Fareale sind als Möglichkeit zu sehen und können durch bewusste temporäre Nutzung und Erhaltung einen starken gesellschaftlichen Mehrwert und eine besonders tiefe Verortung hervorrufen. Die Schwierigkeit Denke ich ist für Architekten nicht die Idee solche Flächen einzuführen und die urbane Stadtwildnis zurückzubringen sondern vielmehr das ungeplante zu Planen.

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